Als Richard Wagner den Text zum „Ring des Nibelungen“ vollendet hatte, schickte er einen der fünfzig Privatdrucke „aus Verehrung und Dankbarkeit“ an den von ihm zeitlebens hochgeschätzten Arthur Schopenhauer. Der Wagnersche Leibphilosoph schrieb, ohne dem Meister direkt zu antworten, Marginalien an den Rand des Widmungsexemplars, bissige Bemerkungen von zuweilen boshaftem Witz, die von tiefem Unverständnis gegenüber den Eigenheiten der Wagnerschen Sprache zeugen. Wo der Dichterkomponist die bürgerliche Moral, wohl auch nach autobiographischem Vorbild, gar zu arg strapaziert, geraten Schopenhauers Randbemerkungen zu Seufzern („Es ist infam!“), die seinen durch die Lektüre erhöhten Adrenalinspiegel verraten. Als sich das Zwillingspaar Siegmund und Sieglinde am Schluß des ersten Aktes der „Walküre“ zum inzestuösen Beilager anschickt („So blühe denn, Wälsungenblut!“), notiert Schopenhauer zu Wagners Regieanweisung („Der Vorhang fällt schnell“) an den Rand: „Denn es ist hohe Zeit!“ Die Neuinszenierung des „Rings“ in diesen Tagen auf dem Bayreuther Hügel verführte unseren Autor dazu, sich vorzustellen, wie dieses – laut einer Bemerkung Thomas Manns – „ideale Kasperltheater mit seinen unbedenklichen Helden“ nach Schopenhauers Marginalien und Charakterisierungen auf die Bühne zu bringen gewesen wäre. Zu diesem Zweck hat er sich Schopenhauers Brille aus dem Museum besorgt. Für die schöne Sommerzeit der Festspiele in Bayreuth betrachten wir an dieser Stelle die wichtigsten Figuren des „Rheingold“-Personals aus ungewohntem Blickwinkel. Als erste: die Rheintöchter.