Wenn die Rolling Stones geruhen, nach fünf Jahren Pause wieder eine Schallplatte an die Öffentlichkeit zu entlassen, dann läuft die Medienmaschine auf Hochtouren. Die Objektive beutegeiler Photographen saugen sich an Mick Jaggers provokant aufgeworfenen Sexaholic-Lippen fest, während Keith Richards den Faltenwurf in seinem Gesicht gelassen der kritischen Begutachtung preisgibt. Der Rest der Crew, Gitarrist Ron Wood und Schlagzeuger Charlie Watts, bevölkert wie gewohnt emotionslos den Hintergrund des Tableaus. Daß der langjährige stoische Baßspieler Bill Wyman, Jahrgang 1936, nicht mehr dabei ist, fällt kaum auf.

Wir Kollegen von der Print-Fraktion arbeiten derweil den mit den Stones gealterten, ewig gleichen Fragenkatalog durch: Wie lange machen die das wohl noch? Werden die irgendwann einmal mit dem Rock ’n’ Rollstuhl auf die Bühne fahren? Sind das noch die Rolling Stones, wie wir sie kennen und lieben, oder sind es nur noch schlappe Parodisten einer einstmals durchschlagskräftigen Boheme-Revolution?

Im Falle der neuen CD „Voodoo Lounge“ ging ein erleichtertes Aufatmen durch die Reihen der versammelten skeptischen Beobachter. Man einigte sich schnell auf die versöhnliche, wenn auch tautologische Expertise: Typisch Stones! Keine Experimente, keine ungelenken Modernismen.

Statt dessen: erdverwurzelte Stromgitarre, behäbig klapperndes Schlagwerk und jede Menge Querverbindungen zu früheren Phasen der Bandgeschichte. Bei mittelschnellen Rockern wie „You Got Me Rocking“ oder „Sparks Will Fly“ knüpfen die Stones direkt an den Wertkonservativismus der „Sticky Fingers“-Ära an – allerdings ohne den apollinischen Veredelungswillen, der die Rhythmand-Blues-Retrospektive damals zu einem Meilenstein der Rockgeschichte machte.

Das zentrale Dilemma von „Voodoo Lounge“ ist jedoch, daß sich beinahe jeder Song als Variation über ein Thema dechiffrieren läßt, das die Stones schon vor zwanzig oder dreißig Jahren unvergleichlich zupackender abgehandelt haben. Deshalb bleibt als Gesamteindruck vom neuen Album das Gefühl müder Routine und einer gewissen Schlampigkeit, die dem Desinteresse der Protagonisten zu verdanken ist.

Das Publikum kommt trotzdem in Scharen. Die Welttournee, die am 1. August in den USA beginnt, ist schon so gut wie ausverkauft. Auch das Konkurrenzunternehmen Pink Floyd liegt gut im Rennen: Die CD „The Division Bell“, ein matter Aufguß der experimentellen Klangzaubereien früherer Jahre, führte kurzzeitig alle wichtigen Hitparaden an. Und die Konzertkarten gehen weg, als sei die Musik von Pink Floyd soeben erst erfunden.

Obwohl Zeitgeistmagazine den Dinosaurier-Rock längst zum Aussterben verurteilt haben und sich hauseigene Experten die Finger zu den Themen Techno, Grunge und House Music wund schreiben, halten die Fans beharrlich und zäh an ihren Helden aus den sechziger Jahren fest. Denn Pink Floyd und die Rolling Stones sind vielleicht die lautesten Trommler im Karneval der Nostalgie, aber beileibe nicht die einzigen. Jahr für Jahr scharrt Tina Turner mit den Stöckelschuhen und kündigt definitiv die letzte Tournee an. Ob die Konzertreihe im vergangenen Jahr wirklich der finale Akt eines bewegten Künstlerlebens war, wird die Zukunft zeigen.