Wie hätte der Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte! – Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung.“ Diese Worte Thomas Manns aus dem Jahr 1915, zitiert in Ernst Schulins einleitendem Aufsatz zur „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, können als charakteristisch gelten für das, was aus der Rückschau am meisten verblüfft: die weitverbreitete Kriegsbereitschaft, mit der große Teile der Deutschen in diesen Krieg hineingingen. Der vorliegende Band über den Ersten Weltkrieg, vom Freiburger Historiker und Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen Forschungsamt Wolfgang Michalka herausgegeben, bietet mit 42 Beiträgen eine beeindruckende Zusammenschau dessen, was seit den bahnbrechenden Untersuchungen Fritz Fischers erarbeitet worden ist.

Die Bilanz macht deutlich, wie sehr sich die Weltkriegsforschung von einer auf Militär, Politik und Diplomatie zentrierten Spezialdisziplin zu einer alle Aspekte umfassenden Gesellschaftsgeschichte erweitert hat. Auch wenn traditionelle Forschungsprobleme wie Kriegsschuldfrage und Kriegsziele noch nicht erschöpfend geklärt sind, wie die Aufsätze in den ersten Abschnitten zeigen, verdienen die jüngeren Untersuchungen zur Sozialgeschichte und zum Kriegsalltag, zur Kultur- und Mentalitätengeschichte der Weltkriegszeit besonderes Interesse.

Sie machen unter anderem deutlich, wie sehr die „vaterländischen“ Stimmungslagen noch der differenzierenden Analyse bedürfen. Im vorliegenden Buch geschieht dies am explizitesten in der Studie von Thomas Rohkrämer über die Kriegsbereitschaft im August 1914 und deren Voraussetzungen im Kaiserreich. Demnach habe ein weitverbreiteter „Gesinnungsmilitarismus“, angereichert durch sozialdarwinistische Ideen, eine Mentalität befördert, „die den Krieg als unvermeidlich ansah, ihn als eine Bewährungsprobe wahrnahm und ihm eine höhere Realität als dem Frieden zusprach“. Ein solches Denken wirkte besonders im protestantischen Bildungsbürgertum, vor allem in der jüngeren Generation, verhaltensprägend und mündete in den Krieg als der ersehnten großen Zeitenwende.

  • Wolfgang Michalka (Hrsg.):

Der Erste Weltkrieg

Wirkung, Wahrnehmung, Analyse; Piper Verlag, München/Zürich 1994; 1062 S., 44,90 DM

Manfred Gallus