Von Volker Ullrich

Mit dem Kriegsausbruch Anfang August 1914 verbinden wir die Vorstellung eines rauschhaften, alle Bevölkerungsschichten ergreifenden nationalen Erweckungserlebnisses. "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche" – der Kaiser sprach aus, was sich in diesen Tagen dem Augenschein nach ereignete: die Versöhnung der Klassen- und Interessengegensätze im Zeichen eines angeblichen "Verteidigungskrieges". Umbrandet von einer Begeisterungswelle ohnegleichen, so heißt es, seien die Soldaten blumenbekränzt und fröhlich singend in den Krieg gezogen. Jetzt hat ein junger Darmstädter Historiker genauer hingeschaut, und der Befund ist eindeutig: Ein "Augusterlebnis", wie es die Geschichtsbücher überliefern, hat es nicht gegeben; es ist eine Wunschprojektion, die nüchterner Überprüfung nicht standhält.

Michael Stöcker beschämt Generationen von Universitätshistorikern und Schulbuchautoren, die das Klischeebild von der allgemeinen Kriegsbegeisterung kolportiert haben, ohne jemals nachzufragen, was es damit auf sich hat. Seine als Magisterarbeit an der Technischen Hochschule Darmstadt entstandene Untersuchung ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil sie ihre die Forschung korrigierenden Einsichten mit relativ einfachen Mitteln erreicht: Stöcker hat die lokale Darmstädter Presse kritisch ausgewertet, Zeitzeugen befragt, private Briefe und Gedichte aus den Nachlaßsammlungen des Stadtarchivs herangezogen und – ein Novum – die reichlich überlieferten Photographien einmal mit anderen, unvoreingenommenen Blicken betrachtet.

Mit Hilfe dieses Quellenmaterials gelingt es ihm, die Stimmung bei Kriegsausbruch facettenreich einzufangen, und zwar aufgeschlüsselt nach Tagen, manchmal sogar nach Stunden. Diese Feinanalyse erweist sich als notwendig, weil die Reaktionen, wie der Autor zeigt, starken Schwankungen unterlagen, je nachdem, welche Nachrichten oder Gerüchte gerade kursierten: Erwartung und Ernüchterung, Hochstimmung und Zukunftsangst, Euphorie und Panik lagen dicht beieinander, ja gingen manchmal fast unmerklich ineinander über. Dieses Auf und Ab der Stimmungen, diesen Wechsel von Trara und Tristesse hat Stöcker durch seine dichte, auf das überschaubare lokalhistorische Untersuchungsfeld konzentrierte Beschreibung vorzüglich erfaßt.

Der Autor bezweifelt nicht, daß es Ende Juli/Anfang August 1914 auch Ausbrüche eines wilden Hurrapatriotismus gegeben hat, doch anders als die bisherige Geschichtsschreibung deutet er sie nicht als Ausdruck wirklicher Kriegsbegeisterung, sondern als Versuche, die innere Angst und Unsicherheit zu übertönen. In Anlehnung an Hermann Brochs Massenpsychologie spricht er von einer "Ersatzekstase", die eine notwendige Ventilfunktion zur Stabilisierung der psychischen Verfassung gespielt habe. Der wütende Eifer, mit dem Bürger in Darmstadt wie an anderen Orten Jagd auf vermeintliche russische Spione machten, spricht ebenso für diese These wie die schrille Gereiztheit, mit der sie auf das leiseste Anzeichen einer "unpatriotischen Gesinnung" reagierten. Solche Erscheinungsformen einer kollektiven Hysterie zeigen, auf welch prekärer Grundlage der angeblich so lautere Patriotismus der Augusttage beruhte.

Schade, daß die Historiker nicht schon früher auf die Idee gekommen sind, sich der Methode der oral history zu bedienen, denn die Frauen und Männer, die Stöcker befragen konnte, waren 1914 noch Kinder beziehungsweise Jugendliche. Ihre Erinnerungen sind lückenhaft, überdies durch spätere Eindrücke überlagert. Dennoch bieten diese Interviews eine breite Palette widersprüchlicher Reaktionen und Verhaltensmuster, die sich nicht in die herkömmliche Klischeevorstellung fügen. Sie lenken den Blick auf die intime Sphäre der Familie, wo sich Gefühle der Angst und Bedrückung viel offener äußern konnten als im öffentlichen Raum der Straße. Aber auch die Photographien, die der Autor ausgewählt und interpretiert hat, vermitteln ein anderes als das gewohnte Bild: Auf vielen erkennt man kaum Jubel und Begeisterung, statt dessen häufig ernste, nicht selten auch besorgte Mienen.

Selbst die "vaterlandslosen Gesellen", die Sozialdemokraten, seien, so will es die bislang vorherrschende Lesart, im August 1914 der allgemeinen Kriegsbegeisterung verfallen. Ohne Murren hätten sie sich in die nationale Einheitsfront eingereiht und ihren Frieden mit der herrschenden Ordnung geschlossen. Daß auch dieses Urteil korrekturbedürftig ist, belegt eine Doktorarbeit des an der Fernuniversität in Hagen lehrenden Historikers Wolfgang Kruse, die den Kontinuitäten und Diskontinuitäten sozialdemokratischer Politik im Übergang vom Frieden zum Krieg nachgeht.