Es war mindestens zum Fürchten, als nachmittags der Soundcheck ein gargliges one, two, one, two über die Elbe auf die Brühlsche Terrasse wehte, wo Ostalgie-Reisende ein gutes Viertel ihrer Monatsrente beim Gedeck mit Kuchen ließen. One, two, one, two, zählte einer und bestimmt nicht Dylan, kein Song, kein einziger. Der bis eben alleinreisende Herr lehnte sich vertrauensvoll zur Schulter der zunächst sitzenden Dame und erläuterte ihr, daß das mit der Emanzipation so weit auch wieder nicht her sei. Das sei doch alles nix, sagte er, als verkünde er das Evangelium nach Wolfgang Schäuble, "wichtig ist nur, daß man im Lebenskampf zusammensteht".

Dann kam der richtige Missionar und alles anders. Die Sonne sank, er aber brachte das Licht zur Erleuchtung der Heiden. Der Glaubenskünder hatte den Weg über Prag und Warschau genommen, um endlich auch den Neufünfländern die Frohe Botschaft zu verkündigen. Heintje und Heino kennen sie inzwischen, die widerborstigen Sachsen, Bob Dylan noch nicht – oder nur als fernes Gerücht, als "mythische Figur", bei der, wie die Sächsische Zeitung schreiben wird, "Kunst und Tagespolitik zu einer Einheit wurden, wie sie sonst nur selten vorzufinden ist". Sie kennen ihn nicht, die Heiden.

Sie wissen, daß Bob Dylan einmal die amerikanische Bürgerrechtsbewegung begleitete, daß er seinen Stil alle paar Jahre wechselte, daß er mal wiedergeborener Jude war, mal fundamentalistischer Christ. Aber woher sollten sie zum Beispiel wissen, wie unfaßbar schlecht Dylan sein kann? Zur Feier seines dreißigjährigen Plattenjubiläums, im Herbst 1992 im Madison Square Garden, wirkte er so zugedröhnt und jenseitsmäßig verdunkelt, daß man fürs erste das Kreuz über ihn schlagen mußte. Gleich anschließend aber scharte er neue Jünger um sich und begab sich ungesäumt auf eine unendliche Pilgerreise durch die Welt, spielt heute in San Remo, morgen in Ratingen – und ist auf dieser seltsamen Springprozession als Musiker so gut geworden wie nie zuvor.

The Band, Grateful Dead, Tom Petty and the Heartbreakers in allen Ehren, aber jetzt hat Bob Dylan die beste Begleitband gefunden: Winston Watson, der sich am Schlagzeug verausgabt wie einst Ginger Baker, William Baxter fürsorglich an der Gitarre, immer bereit, dem Sänger beizustehen, wenn der sich verschrammt, was er, noch ein Wunder, nie tat, Anthony Garnier am Baß, dazu zwei Steelgitarren – selbst die wiedererstandenen Eagles kriegen nicht soviel Raumklang zustande.

Bleich, ernst und versteift in dem schwarzen Predigerhabit aus Charles Laughtons "Nacht des Jägers", gab Bob Dylan den besten Johnny Cash, den wir je hatten. Der Junge aus dem Norden spielte wie ein Cajun, Sumpf-Blues aus den Südstaaten, als hätte er nie was anderes gemacht. Seine Songs, längst volkseigenes Liedgut und Weltpoesie dazu, nölte er pressiert wie je herunter, sang "All Along the Watchtower" mindestens so kryptisch wie vorzeiten der bereits verewigte Jimi Hendrix. Die Botschaft ist dennoch klar: Irgendwie muß man doch hier rauskommen, und Dylan hat das Schlupfloch gefunden. Noch immer trägt er seine Stücke mit Tiedjescher Textverachtung vor, als würde er sich eines Jugendwerks schämen, und verläßt sich darauf, daß man im dritten oder fünften Vers "Tangled up in Blue" schon erkennen wird.

Zwölftausend Dresdner hocken brav auf den amphitheatralischen Stufen der ehemaligen königlichen Stallwiese und bejubeln jedes einzelne Stück, schon weil er sie mit alten Sachen verwöhnt, kaum neuere vorträgt. Dreißig Jahre danach klingt "Masters of War" noch immer ziemlich wehrkraftzersetzend; der Mitteldeutsche Rundfunk, der Dylan hier sponsert, würde eine deutsche Version davon lieber nicht senden. Auch sonst hat die ehemalige DDR, fünf Jahre nach Erich, zur Weltspitze aufgeschlossen: Der Ordner nimmt einem harmlosen Zuschauer, der es wagt, die mythische Figur zu photographieren, den Film aus der Kamera und durchsucht sicherheitshalber auch noch dessen Rucksack nach weiteren Rollen.

Friedlich dunkelt es über der Brühlschen Terrasse, die Gerüst planen versinken samt den Arbeiterregalen am jenseitigen Ufer in der Nacht Prächtig und fett geht der böse Mond von Alabama über Dresden auf. Ein Bild fast wie von Johan Christian Clausen Dahl, die Augustusbrücke, die Frauenkirche, die Semperoper, in deren Licht die letzten Elbmöwen erstrahlen, Beinahe Inbrunst legt Dylan in sein noch immer schönstes Lied, "Love Minus Zero", erzählt von seiner Liebsten, die, wenn andere ihre glänzenden Aussichten beschwören, nur noch stiller wird.