Von Tobias Gohlis

Weder Wirtschaftskrise noch Waldsterben können dem Boom von Reiseführern etwas anhaben. Rund 3300 Titel und 140 Reihen sind gegenwärtig erhältlich. In jeder Preislage, vom Jackentaschen-Führer unter 15 Mark bis zum Kunstreiseführer über 50 Mark, ist fast jedes Genre mehrfach vorhanden. "Ein Wahnsinn!" gesteht jeder Verleger hinter vorgehaltener Hand. Doch dann plant er den Vertrieb von ein oder auch zwei neuen Reiseführer-Reihen. Allein für dieses Jahr sind sechs neue Serien annonciert. Nach Angaben der Verlage gegenüber dem Fachmagazin Buchreport wird eine Woge von nicht weniger als 576 neuen Einzeltiteln über den Lesern zusammenschlagen.

Einen brauchbaren, den persönlichen Interessen entsprechenden Reiseführer zu finden ist nicht einfach. Denn eine Auswahl, die neben den Reisebüchern der großen auch die oft hervorragenden Titel kleiner Verlage umfaßt, können sich in der Regel nur spezialisierte Sortimenter oder Buchhandlungen mit großen Touristikabteilungen leisten. Originalität und Qualität entscheiden über den Erfolg eines Reiseführers an letzter Stelle. Der Kampf um Marktanteile wird auf Gebieten geführt, die mit der Brauchbarkeit der Produkte wenig zu tun haben.

So winken den Buchhändlern, die ihre Ausstellungsflächen einem Verlag exklusiv einräumen, als Belohnung schon mal Fernreisen, Liegestühle oder zumindest Sonderrabatte. Mit Werbeetats in Millionenhöhe wird die Konkurrenz aus dem Feld geschlagen. Ein Verlag, dem es gelingt, seine Bücher im Servicepaket eines Reiseveranstalters zu etablieren, hat den freien Markt sowenig zu fürchten wie ein Rüstungsproduzent. Daneben bestimmen internationale Kooperation und Konzentration immer stärker Produktion und Marktchancen von Reisebüchern.

Diese Entwicklung ist, wenn überhaupt, nur preislich von Vorteil für den Leser. Der Reiseführer der neunziger Jahre wird meist in Englisch geschrieben, dann in mehrere Sprachen übersetzt und in einem Billiglohnland gedruckt. Mit der Übernahme ganzer Reihen wird langfristig verlegerisches Kapital gebunden, entsprechend massiv müssen Marketing und Vertrieb für die Durchsetzung sorgen. Der Import aus fremden Sprachen dient vorrangig der Kostenreduktion. Gekauft werden von den marktbestimmenden Verlagshäusern nicht einzelne gute Bücher, sondern Vertriebsschienen, internationale Platzvorteile und Marktsegmente. Fünf Reiseführer-Reihen, die in jüngster Zeit neu auf den Markt kamen, sind Importe beziehungsweise Koproduktionen.

Unser Überblick beginnt mit Knaurs Reiseführer für Individualisten. Die in diesem Frühjahr mit vier Ländertiteln gestartete Serie ist vom Londoner Verlag Duncan Petersen übernommen. Die peppige Aufmachung kaschiert kaum lektorierte Texte, die man bestenfalls als eingedeutscht, nicht aber als übersetzt bezeichnen kann. Im Band "Italien" mischen sich Stilblüten à la "Eine weitere Attraktion sind die Italiener" mit chauvinistischen Entgleisungen. So wird im Kapitel "Viertel, die man meiden sollte" zu frühem Aufstehen geraten, weil dann "die unerwünschten Elemente noch nicht aufgetaucht sind". Gemeint sind die Einwohner des römischen Stadtteils Trastevere.

Die Autoren leiden unter einem permanenten Zwang zu Witzeleien und läppischen Bevormundungen. Doch auch wer sich an der albernen Sprache nicht stört, wird mit den Individualisten-Führern nicht weit kommen. Die Karten haben unbrauchbare Maßstäbe. Der Italien-Band brach nach zweistündiger Benutzung auseinander.