Von Ulrich Schiller

Wird Ende August die amerikanische Militärintervention in Haiti beginnen? Das vermuten Beobachter in Miami, so kalkulieren Experten in Washington, und manche haben sogar ihre Urlaubspläne darauf abgestellt. Der Grund für die Vermutung sei nicht die Tatsache, daß so viele geschichtsträchtige Dinge dieses Jahrhunderts im August ihren Lauf genommen hätten: Nein, die internationale Lage, die Situation im karibischen Inselstaat und der wachsende Druck auf Präsident Clinton zu handeln ließen kaum noch einen anderen Schluß zu.

Bis Ende August, so wird spekuliert, werde der UN-Sicherheitsrat Resolutionen verabschieden, die – erstens – den Amerikanern eine Blitzaktion zum Sturz der Machthaber und zur Entwaffnung des Militärs erlauben; die – zweitens – UN-Friedenstruppen für alle weiteren Aufgaben bereitstellen. Eine große diplomatische Hürde in der Uno, die Zustimmung der Russen, wurde inzwischen genommen. Man schloß einen Kuhhandel: Der Sicherheitsrat hat erlaubt, daß russische Truppen Befriedungsaktionen in Georgien im Namen der Vereinten Nationen unternehmen.

Einer der amerikanischen Invasionsgründe ist inzwischen weggefallen. 12 345 Haitianer waren in der ersten Juliwoche von der amerikanischen Küstenwache aufgegriffen worden. Ein Exodus wurde befürchtet. Florida zumal war in Aufregung und rief nach einer Invasion – gegen die allgemeine Stimmung im Lande. Dann verfügte die Regierung, die Boat people sollten entweder Zuflucht in einem anderen Land der Karibik finden oder zurück nach Hause geschafft werden. Vergangene Woche griff die Küstenwache nur noch 216 Haitianer auf.

Journalisten und Emigranten berichten übereinstimmend: Die Armut in Haiti hat jetzt solche Ausmaße erreicht, daß die Leute das Geld für einen Platz im Boot nicht mehr aufbringen können. In den Fischerdörfern ist das Geräusch von Äxten und Sägen nicht mehr zu hören, fertige Boote stehen zum Verkauf. Manche sind von Häschern der Junta verbrannt worden. "Reiseleiter" werden verfolgt. Immer höhere Preise müssen die Fischer für eine Fahrt zum nächsten Marktplatz entrichten, immer weniger bekommen sie für ihre Hummer – wenn sie die Fänge überhaupt loswerden. Die nahezu totale Blockade hat den bescheidenen, aber wichtigen Außenhandel mit Fischerei- und Agrarprodukten (Kaffee, Zucker) und den Tourismus zum Erliegen gebracht. Kleine Industrien sind ruiniert, Arbeitsplätze vernichtet.

Transfer- und Visasperren, dazu die bevorstehende völlige Einstellung des internationalen Luftverkehrs machen jetzt auch der Oberschicht die Einkaufsreise nach Miami unmöglich. Zeitungen, Hospitäler, Verkehr – nichts mehr funktioniert. Die Geschäfte sind tot. Beobachter meinen, daß nun sogar in der Oberschicht – sie wird auf etwa fünf Prozent der sieben Millionen Haitianer geschätzt – eine Stimmung gegen die Militärs erwacht. Den gewählten und dann verjagten Präsident Aristide allerdings würde sie noch immer nicht an die Macht lassen. Er sei zu radikal gewesen und habe mit seinen populistischen Appellen das Chaos heraufbeschworen. Man solle einen neuen Präsidentschaftskandidaten finden, der für die Militärs in Haiti genauso akzeptabel wäre wie für die UN oder für das Weiße Haus in Washington.

Eine solche Figur gibt es natürlich nicht, und wenn es um die Wiederherstellung einer verfassungsmäßigen Präsidentschaft in Haiti geht, kommt an Aristide niemand vorbei. Kritiker im Kongreß und in den Medien halten ihn für einen "Psychopathen". Das negative Image haben CIA-Kreise in die Öffentlichkeit lanciert und rechte Publizisten genüßlich ausgewalzt. Daß Aristide von der Mehrheit des Volkes, auch wenn er im Schutze von GIs käme, mit offenen Armen aufgenommen würde, ist aber unbestritten. Ein Haiti-Emigrant in Miami schätzt, daß neunzig Prozent der Haitianer Anhänger Aristides sind. Von einer großen Mehrheit sprechen auch diplomatische Beobachter. Zeitungen in Südflorida zitieren die Vox populi in Haiti: Warum zögern die Amerikaner? Wenn sie Aristide zurückbringen und die Militärs verjagen, ist alles in Ordnung.