Eine Rheintochter hat das erste Wort – und was für eines: „Weia!“ Auch das letzte Wort haben sie, wenn sie singend den Verlust des Rheingoldes beklagen: „Traulich und treu ist’s nur in der Tiefe: falsch und feig ist, was dort oben sich freut!“

Nicht nur in ihren Äußerungen, auch sonst geben uns Wellgunde, Woglinde und Floßhilde einige Rätsel auf. Die Existenz eines – allerdings konkret nicht in Erscheinung tretenden – Vaters darf immerhin als gesichert gelten, da sie sich auf Anweisungen von ihm berufen. Danach scheint Vater Rhein vornehmlich als Schatzmeister des Rheingoldes zu fungieren. Von seinen Privatangelegenheiten aber – etwa, mit wem er seine drei Töchter gezeugt hat – erfährt man nichts.

Was sind das für Wesen, diese drei Rheintöchter? Da wir von ihrem Vater wenig, von ihrer Mutter nichts und von ihnen selber nur erfahren, daß ihr Element das Wasser des Rheines ist, in welchem sie sich außerordentlich gewandt zu bewegen wissen, sind wir auf ihr Erscheinungsbild und auf die Auskünfte durch Dritte angewiesen.

Sie erscheinen stets gemeinsam, zu Beginn im „Rheingold“ wie am Ende in der „Götterdämmerung“, und stets schwimmend. Sie handeln auch stets gemeinsam und führen dieselbe, zuweilen recht prätentiöse Sprache („Wagalaweia“). Im Verhalten unterscheiden sie sich nur marginal voneinander.

Auf Dritte wirken sie unterschiedlich. Der Nibelungenchef Alberich, der die drei nacheinander zu seinem „Friedel“ machen möchte, sieht sie mal als niedlich, mal als treuloses Nickergezücht – je nachdem, ob und wie weit er sein sexuelles Begehren der Erfüllung nähergerückt wähnt. Als er schließlich merkt, daß er bei den dreien im Wasser nicht landen kann, beschimpft er sie als „ihr Glatten“, als „feuchtes Gezücht“, sieht in ihnen den spröden – beziehungsweise kalten – grätigen Fisch. Läßt das möglicherweise Rückschlüsse auf einen Fischschwanz zu, der auch die elegante Unterwassernavigation der Rheintöchter erklären könnte? Es bleibt offen.

Wir erfahren es auch in der „Götterdämmerung“ nicht, wenn die drei mysteriösen Grazien Siegfried als „muntere Wasserminnen“ und „listige Frauen“ erscheinen, die er später dann als „drei wilde Wasservögel“ beschreibt, während er zuvor, Macho durch und durch, die verpaßte Gelegenheit beklagt: „Der zieren Frauen eine hätt’ ich mir frisch gezähmt!“ Auch Siegfried fehlte offenbar kurz vor seinem Tode die klare Durchsicht.

Mit „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala weiala weia!“ geht es los. Doch aus der anfänglichen Alberei der Woglinde und Wellgunde, ihrem Spielchen mit Alberich, dem sich, eingedenk der väterlichen Warnungen zögernd, endlich auch die „klügste Schwester“ Floßhilde anschließt, entsteht der ganze Ärger. Zu allerletzt wird der Rhein gar zur Mördergrube, wenn – nun ohne weiteres Geträller von „Heiajaheia! Wallalalala leiajahei!“ – die drei Schwimmerinnen Hagen zu sich herabziehen und ertränken. Denn anders als der Rheingoldräuber Alberich, der unter Wasser sogar niesen konnte, kann sich sein Sohn Hagen darin des plötzlich verstummten Rheintöchter-Trios nicht erwehren und wird so letztes Opfer im Kampf um Gold, Liebe und Macht.