Von Christof Siemes

Als verkündet wurde, daß die Bibliothek alle Bücher umfasse, war der erste Eindruck ein überwältigendes Glücksgefühl. Alle Menchen wußten sich Herren über einen unversehrten und geheimen Schatz. Es gab kein persönliches, kein Weltproblem, dessen beredte Lösung nicht existierte.

Jorge Luis Borges,

"Die Bibliothek von Babel"

Zu Beginn gleich mal ein Klischee: Deutschland ist eine Kulturnation. Und das Dementi sofort hinterher: Der gedruckte Teil dessen, was man so das kulturelle Erbe der Nation nennt, hat nicht einmal einen festen Ort. Wo sind sämtliche Erstdrucke von Luthers Werken beisammen? Oder von Kant? Oder von Eichendorff? Das Sammeln, Sichten, Bewahren, Nutzen des Wissens, das in deutschen Landen in Bücher geflossen ist, blieb lange Stückwerk und ist es noch. Natürlich gibt es großartige Bibliotheken, aber die eine, den geistigen Besitz der Nation versammelnde Bücherei gibt es nicht. Nichts, was der British Library in London oder der Library of Congress in Washington gleichkäme. Das wäre zu verschmerzen, wenn die nationale Literatur wenigstens an verschiedenen Orten annähernd vollständig in den Regalen stünde. Tut sie aber nicht. Selbst alle großen deutschen Bibliotheken gemeinsam brächten allenfalls eine lückenhafte Sammlung des Gesamtbestands deutscher Literatur zustande. "Wenige große Nationalliteraturen sind so unsystematisch gesammelt und so unzureichend erschlossen wie die deutsche", schrieb der Bibliothekswissenschaftler Bernhard Fabian noch 1983.

Das hat natürlich Gründe. Zum einen sind da die horrenden Kriegsverluste. Zum anderen verhinderte die historische Zersplitterung Deutschlands eine zentrale Sammlung der nationalen Literatur. Während in Frankreich schon 1536 ein landesweites Pflichtexemplarrecht eingeführt wurde (vor allem, um die Zensur zu erleichtern), archivierten selbst die Hofbibliotheken, später die Staats-, Universitäts- und Landesbibliotheken deutsche Literatur stets mit regionalen Scheuklappen: In Berlin kümmerte man sich so wenig um Bavarica wie in München ums Preußische. Und für Gebrauchsliteratur, für all die Koch- und Schulbücher, die "claren berichte wie man alte schaden, loecher und bülen heylen soll mit dem holz Guaiaco" (Straßburg, vor 1529) und "Groeßeren Reisen der weiblichen Zöglinge zu Schnepfenthal, um Natur, Kunst und den Menschen besser kennen zu lernen" (Leipzig 1788), kurz: für die unverzichtbaren Quellen einer Geschichtsschreibung "von unten" hatten die Bibliothekare vergangener Jahrhunderte wenig bis nichts übrig.

Erst seit Gründung der Deutschen Bücherei in Leipzig 1913 und der Deutschen Bibliothek in Frankfurt 1945 werden deutsche Drucke systematisch und umfassend gesammelt – aber auch nur zeitgenössisch. Die historische Dimension fehlt den beiden Institutionen; was vor 1912 gedruckt wurde, lag wiederum nur im Blickfeld der regionalen Bibliotheken. Bis jetzt. Denn seit 1990 gibt es die "Sammlung deutscher Drucke 1450 bis 1912". Das klingt nach Bücherstaub und Langeweile, ist aber eines der aufwendigsten und spektakulärsten kultur- und geisteswissenschaftlichen Projekte der Nachkriegszeit mit dem Ziel, das zu rekonstruieren, was die Kulturnation Deutschland nicht hat: eine Nationalbibliothek.