Von Michael Lüders

Von Händedruck zu Händedruck: Die Geschichte produziert im Eilschritt Bilder, die noch vor einem Jahr undenkbar gewesen wären. Im vergangenen September reichten sich der israelische Ministerpräsident Rabin und PLO-Chef Arafat in Washington die Hand zum Frieden. Am Montag dieser Woche besiegelten Jitzhak Rabin und König Hussein von Jordanien mit einem Handschlag das Ende des Kriegszustands zwischen ihren Ländern. Die Zeichen der Versöhnung im Nahen Osten mehren sich.

Bei ihrer historischen Begegnung in Washington zeigten der israelische Premier und der jordanische König keinerlei Berührungsängste. Beide sind sich wohlgesonnen, und die Atmosphäre war gelöster als damals beim Treffen mit Arafat, dem die Hand zu reichen Rabin sichtlich schwerer fiel. Im Weißen Haus fand freilich nur ein Gipfel der Symbolik statt, denn die "Washingtoner Erklärung" ist vor allem eine Absichtserklärung. Was noch zu tun bleibt, zeigten die Reaktionen. In Israel jubelten die Menschen, in Jordanien gab es verhaltenen Beifall, aber auch Proteste. Und in London und Buenos Aires die Terroranschläge?

Dennoch, die Feindbilder fallen. Von einem "Schicksalskampf" war jahrzehntelang die Rede gewesen, von einer "Erbfeindschaft" zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Juden und Arabern. Doch die israelisch-arabische "Erbfeindschaft" ist ebensowenig eine Frage der Genetik, wie es weiland die deutsch-französische war. Auch im Nahen Osten geht es um Macht und Interessen, nicht um Vererbung – und vor allem geht es um Psychologie. Israel wurde 1948 gegründet, mit Unterstützung der Vereinten Nationen und begleitet vom schlechten Gewissen der Alliierten, die auf die deutsche Judenvernichtung eher gleichgültig reagiert hatten. Damals aber befand sich die arabische Welt im Aufbruch. Es war die Ära des Antikolonialismus, und die meisten Araber sahen Israel nicht als jüdische Heimstätte, sondern als ein westliches Bollwerk, das die arabische Einheit zu vereiteln suchte.

Palästina wurde zum Brandherd: Zwei Völker und zwei Rechte prallten aufeinander auf einem winzigen Streifen Land. Die Palästinenser, zu Hunderttausenden aus ihrer Heimat vertrieben oder geflohen, verlangten über viele Jahre alles und erhielten nichts. Die Israelis setzten auf militärische Macht. So etwas wie Palästinenser habe es nie gegeben, behauptete Golda Meir. Diejenigen aber, die es nicht gab, übten sich in Terror und Gewalt, bis sie politisches Gehör fanden.

Heute sitzt der "oberste Brandstifter" quasi als Kommunalpolitiker in Gaza, beinahe schon eine Selbstverständlichkeit. Jassir Arafat hatte einen großen Fehler begangen, als er sich im Golfkrieg auf die Seite Saddam Husseins schlug. Doch welche Ironie des Schicksals: Der Weg zurück nach Palästina – und zum Frieden – führte tatsächlich über Bagdad, wenngleich unter anderen Vorzeichen. Nach der Kraftprobe mit dem Irak waren die Amerikaner entschlossen, den Nahostkonflikt zu beenden: mit Blick auf die Sicherheit Israels und das Erdöl der Region. Die politische Dramaturgie ist richtig und ohne Alternative – erst Frieden zwischen Israel und der PLO, dann Frieden zwischen Israel und den arabischen Nachbarn, allen voran Jordanien. In den israelisch besetzten Gebieten liegt erst einmal der Schlüssel zum Frieden, denn der Nahostkonflikt begann in Palästina.

Gelingt der Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern, wird Jitzhak Rabin nach und nach den meisten arabischen Staatschefs die Hand reichen. Bei König Hussein fiel ihm das auch deshalb leichter, weil der jordanische Monarch jahrelang geheime Kontakte zur israelischen Regierung unterhalten hatte. Aber ohne Bewegung in der Palästinafrage konnte König Hussein den Frieden mit Israel nicht wagen – die meisten seiner Untertanen sind Palästinenser und hätten ihn des Verrates geziehen. Ist nun also endlich der Durchbruch gelungen? Friede an allen Fronten? Grund für Optimismus gibt es. Für die nächsten Monate wäre immerhin folgendes Szenario denkbar: