Von Jürgen Krönig

Als sein Blick auf ein Zeitungsphoto gefallen war, das einen strahlenden Tony Blair mit Ehefrau Cherie und ihren drei Kindern zeigte, bemerkte John Major: "Gott stehe ihnen bei." Der Premier weiß, was auf den frischgebackenen Labour-Führer zukommt. Und er selbst hat das Hauptquartier der Tories angewiesen, eine "Stop Blair"-Kampagne zu konzipieren, denn nach der Wahl des Labour-Chefs war bei den Tories Panik ausgebrochen: Wenn selbst hartgesottene Kolumnisten rechtspopulistischer Massenblätter dem Charme des Senkrechtstarters erliegen, wie sollten ihm dann die Wähler widerstehen? Umfragen untermauern die düsteren Ahnungen der Konservativen: 60 Prozent der Briten wollen Tony Blair als Premier, nur 22 Prozent ziehen John Major vor. In ihrer Ratlosigkeit stempelten konservative Politiker Tony Blair als schamlosen Imitator konservativer Ideen ab, um im gleichen Atemzug das Bild vom gefährlichen sozialistischen Wolf im Schafspelz des Reformers zu beschwören.

Wenigstens brauchen die Konservativen nicht länger um die Unterstützung von Fleet Street zu bangen. Der Flirt mit dem frischen, überaus telegenen Mann an der Spitze der Opposition war nur von kurzer Dauer: Ideendieb, Champagnersozialist, Heuchler, Schauspieler, der Mann, der Labour in eine Partei politischer Transvestiten verwandelt – die britische Presse besinnt sich in der Stunde der Gefahr auf alte Loyalitäten.

Die Kampagne gegen Tony Blair könnte noch giftiger und bösartiger werden. Erstmals hat Labour eine realistische Chance, die konservative Herrschaft zu beenden. Der 41jährige wirkt modern und aufgeschlossen und besitzt einen guten Schuß Charisma. Statt Labour-Stallgeruch hat der Anwalt jenen gepflegten Akzent zu bieten, der auf Privatinternat und Oxford hinweist. Kurzum, er ist ein Mann, der den breiten Mittelschichten Zutrauen einflößt. Gerade die Gruppe der Facharbeiter und mittleren Angestellten war es, die sich noch 1992 Labour verweigert hatte. Labour fanden sie altmodisch, verbohrt, immobil und besessen von der Idee, "die Wohlhabenden" durch hohe Steuern zu bestrafen.

Tony Blair verkörpert den radikalen Bruch mit der Vergangenheit. Seine politische Karriere begann erst vor elf Jahren, er schleppt keinen ideologischen Ballast mit sich herum. Weil er nicht mit der Vergangenheit zu brechen braucht, ist er noch nicht einmal ein Revisionist – ein Umstand, der manchem Labour-Traditionalisten Bauchgrimmen bereitet. Es kennzeichnet den neuen Stil, daß Tony Blair in erster Linie die Nation und nicht die Partei oder die Aktivisten anspricht. Im parteiinternen Wahlkampf war er nicht ein einziges Mal bereit, sich durch Konzessionen etwa an die Gewerkschaften einen höheren Stimmenanteil bei der Wahl zum Vorsitzenden zu sichern. Schon gar nicht ließ er sich zu europaskeptischen Aussagen verleiten. Er ist überzeugt davon, daß der nationalistische Kurs, den die Konservativen jetzt eingeschlagen haben, für sie verhängnisvoll sein wird.

Sein eindrucksvoller Wahlerfolg ist um so erstaunlicher, als Blair ein ziemlich unbeschriebenes Blatt ist. Dennoch waren nach dem Tod seines Vorgängers alle, Journalisten, Gewerkschaftsbosse, Regierungsvertreter und Oppositionsabgeordnete, überzeugt davon, daß nur Tony Blair als Nachfolger in Frage käme. Dabei gab es im Labour-Schattenkabinett viele respektable, weitaus erfahrenere Persönlichkeiten.

Warum wird schon nach wenigen Tagen überall vom "Blair-Faktor" gesprochen? Der Mann sei "aufregend", befinden Intellektuelle, er mache "Politik wieder spannend". Sein Aufstieg könnte den Beginn eines neuen Abschnitts in der britischen Nachkriegsgeschichte signalisieren. Schon jetzt gebührt ihm das Verdienst, eine politische Debatte entfacht zu haben, wie sie Großbritannien seit dem Beginn der Thatcher-Ära Mitte der siebziger Jahre nicht mehr erlebt hat.