Von Rüdiger Dilloo

Orenthal James Simpson, der prominenteste Amerikaner, der je wegen Mordes vor Gericht stand, trifft am Freitag dieser Woche im Obersten Stadtgericht von Los Angeles zum erstenmal auf den Mann, der ihn zum Tod in der Gaskammer verurteilen könnte. Richter Lance Ito, soeben mit dem Vorsitz über den kommenden Sensationsprozeß beauftragt, wird den Verfahrenstermin festsetzen: frühestens der 20. September. Dann muß O.J. Simpson, 47, der vielgeliebte frühere Footballstar, der hochbezahlte Werbeträger und Filmkomödiant, als Gefangener Nr. 4 013 970 zurück in seine Einzelzelle.

Der schwarze Aufsteiger aus dem Ghetto soll in der Nacht zum 13. Juni seiner geschiedenen Frau Nicole Brown Simpson, 35, und ihrem 25 Jahre alten Freund Ronald Goldman die Kehlen durchgeschnitten haben. Beide wurden mit vielfachen Stichwunden vor Nicole Simpsons Haus gefunden. Drinnen schliefen die Kinder des geschiedenen Paares, neun und fünf Jahre alt.

"Absolut einhundertprozentig nicht schuldig" erklärte sich O.J. vergangene Woche bei der formellen Anklageerhebung. Seine Anwälte haben eine halbe Million Dollar Belohnung für Hinweise auf andere mögliche Täter ausgesetzt; ein befreundeten Geschäftsmann hat weitere 250 000 draufgelegt. Eine gebührenfreie Telephonnummer, von den Anwälten eigens für Tipgeber eingerichtet, wird mit Anrufen überflutet, die O.J.s Popularität demonstrieren. (Sie wäre, auf deutsche Verhältnisse übertragen, mit der Franz Beckenbauers zu vergleichen.) Die Staatsanwaltschaft hat ebenfalls reagiert und eine kostenlose Hotline für jene eingerichtet, die mit Hinweisen der Strafverfolgungsbehörde hilfreich zur Seite stehen wollen.

Die Sache steht nicht gut für O.J. Simpson. Fasziniert hat ganz Amerika in den vergangenen Wochen während der Vorverhandlung an den Fernsehgeräten verfolgt, wie die Staatsanwaltschaft ihre Argumente für die Anklageerhebung präsentierte: das schwache Alibi Simpsons ("allein zu Haus"); die Blutspur von seinem Wagen zu seiner Haustür (er wohnt drei Kilometer entfernt vom Haus der ermordeten Exfrau); ein Paar blutige Handschuhe, dessen linker am Tatort, dessen rechter vor Simpsons Villa gefunden wurde. (Die Bluttests sind noch nicht abgeschlossen.) Mehrere Zeugen belasteten den Verdächtigen: ein Freund in Simpsons Gästehaus, ein Mietwagenfahrer, zwei Nachbarn.

Außerhalb des Gerichtssaals wurde bekannt, daß O.J. seine Frau massiv bedroht hat. Mehrmals wählte sie den Polizeinotruf, zuletzt im Oktober, Jahre nach der Scheidung. Schockiert hörte Amerika das Polizeitonband im Fernsehen mit, hörte, wie das Massenidol Simpson im Haus Nicoles eine Tür eintritt und flucht und brüllt.

Und während der Fall Simpson/Simpson in den Medien einerseits eine ernste Diskussion über Gewalt in der Ehe und deren Verharmlosung ausgelöst hat, taucht andererseits in den untersten Regionen der Klatschpresse das häßliche Gesicht des Machismo auf, der dem Opfer männlicher Eifersucht und Besitzansprüche die Schuld zuschiebt: Sie hatte einen Liebhaber, damit hätte sie den Exmann nicht reizen dürfen...