Gemieden wurde er früh, gepriesen spät. Der von „denkfaulen Kritikern“ (wie er sie nannte) zum Surrealismus gezählte Maler begann nach dem abgebrochenen Architekturstudium als Spätexpressionist; erst ein Besuch im Wachsfigurenkabinett „Museum Spitzner“ (1932) und kurz darauf einer de-Chirico-Ausstellung brachte ihn zu der künstlerischen Handschrift, die ihn berühmt wie berüchtigt machte und von der Maurice Nadeau sagte: „Es ist die Stimmung eines erloschenen Sterns, einer Welt jenseits aller bekannten Welten, wo es weder Furcht noch Hoffnung gibt.“ Gegen die Inanspruchnahme durch die Surrealisten wehrte sich Delvaux zeitlebens: „Ich bin nicht, wie es überall heißt, neben und mit Magritte der zweite bedeutende belgische surrealistische Maler. An dem Satz stimmen nur die zwei Worte ,belgisch‘ und ‚Maler‘. Wenn das zweite für Magritte überhaupt gilt.“ Dennoch ist die Welt seiner gefrorenen Grazien, der Züge, die stets aMahren, der Skelette und der Spiegel von dem surrealistischen Dichter Paul Eluard vielleicht am besten begriffen worden: „Preisgegeben ihrem Geschick / nichts zu verstehen als sich selbst.“ Diese Mischung aus traumverlorener erotischer Verzückung und desperater Einsamkeit wurde mal mißverstanden – wenn etwa die vatikanischen Behörden noch 1948 dem Klerus vom Besuch des belgischen Pavillons auf der Biennale von Venedig abrieten, weil Delvaux’ „Pygmalion“ Sitte und Anstand verletze – und mal verstanden, wenn André Breton sich weigerte, die Sujets als Zentrum von Delvaux’ Malerei zu sehen, sondern das Licht, das er „mineralisch“ nannte.

Paul Delvaux, der 1983 sein letztes Bild gemalt hat, lebte erblindet in seinem eigenen Museum unweit der See in dem Badeort Saint-Idesbald, wo er Gäste empfing und gerne über seine Bilder sprach. Mir ist der Besuch bei ihm unvergeßlich, als er über „die menschliche Natur der Skelette“ sinnierte, sie als „präzise Kalligraphie von Tod – und seiner Überwindung“ erklärte und mit der Souveränität eines alten Mannes allzu kunstvolle Interpretationen seines Werks lächelnd abwehrte: „Man spricht immer von dem Eisigen meiner Frauengestalten, ihrer chiricohaften Starre und ihrem sonderbaren Placement auf Bahnhöfen und Plätzen. Es ist viel einfacher: Frauen waren für mich sehr lange unerreichbare Wesen. Ich träumte sie mir herbei – in allen Situationen, die der Traum gebiert: Brücke, Platz und Eisenbahn.“

F. J. R.