Von Georg Brunold

Goma

Sind Sie von Beruf Arzt, Monsieur?" fragt der Grenzpolizist in der Ankunftshalle von Goma. "Wir haben Hunderte von Toten, überall. Wir suchen dringend Leute, die uns sagen können, wie wir der Cholera entkommen." Das Meer von Menschen rings um den Flughafen weicht auch dort nicht zurück, wo etwa 200 Meter stadteinwärts französische Soldaten mit einem Bulldozer eines der vielen Massengräber schließen. Von den Lebenden ringsherum werden sich manche nie mehr erheben.

Anders als am Landeplatz bleiben in der Stadt die Toten tagelang liegen, die einen wie und wo sie gestorben sind, andere etwas beiseite in eine Bastmatte gewickelt. Auf dem zentralen Rondell vor der Post macht sie das ungeübte Auge im Gewimmel nicht sogleich aus. "Sehen Sie nicht? Da, da und da drüben, jetzt hier wieder, auf dem Gehsteig, gleich drei", zeigt der tunesische Gastwirt Raouf auf die unscheinbaren Bündel, mit der anderen Hand lenkt er durch das Gedränge.

Die Flucht von einer Million Ruander ins zairische Grenzgebiet um Goma, wo in gewöhnlichen Zeiten knapp 200 000 Menschen leben, überfordert alle, die helfen wollen. Die Uno spricht von der schwersten humanitären Krise in der Geschichte der Weltorganisation. Im Leitungsnetz fließt kaum noch ein Tropfen Wasser. Auch Grundwasser findet sich keines am Nordufer des Kivusees, wo der vulkanische Boden zu hart ist, um Gräber auszuheben. Unter der dünnen Humusschicht versickert alles Flüssige durch den porösen Grund der erstarrten Lava und sammelt sich im See. In den steinigen Buchten stauen sich riesige Menschenmassen, viele erreichen nicht mehr das Ufer. Fachleute warnen, daß um Goma herum und auch weiter südlich am Westufer des Sees die Wasserressourcen ganzer Landstriche für lange Zeit verseucht bleiben werden.

Sauberes Wasser gibt es kaum. Fünf Liter müßte jeder Flüchtling am Tag trinken, die Vorräte decken aber nur zwei Prozent des Bedarfs, klagt der Vertreter einer holländischen Hilfsorganisation. Bereits Mitte vergangener Woche schätzten Ärzte, daß in den Lagern westlich der Stadt im Takt von einer Minute gestorben wird. Am Wochenende war bereits von 10 000 Toten die Rede. Die Cholera breitet sich in Windeseile aus, die Helfer kommen nicht dagegen an, die Zahl der Opfer wird in den nächsten Tagen weiter steigen. Viele Ruander und auch Zairer haben sich Tücher vor Nase und Mund gebunden, als Schutz gegen den beißenden Qualm, der aus den zahllosen Lagerfeuern über Felder und Straßen zieht.

Gegen Abend weitet sich der Rauch noch aus und mischt sich mit dem aufgewirbelten Straßenstaub zu einer dichten Dunstglocke über den Menschenfluten. Die Landung im Sichtflug wird unter solchen Verhältnissen zum Abenteuer – noch mehr natürlich der Abwurf von Hilfsgütern, jedenfalls so, wie ihn sich die Amerikaner vorstellen. "Was stellen sie hier mit eurem Goma an?" fragt Raouf, der Gastwirt, seinen Gärtner und zeigt in der vierzigjährigen Allee auf die mächtigen Baumstümpfe, die dem schonungslosen Kahlschlag zu trotzen scheinen. "Mon patron, es ist die Welt, die alt wird", antwortet leise der Gärtner.