Von Markus Barth

TÜBINGEN. – Weniges erlebt zur Zeit einen solchen Nachfrageboom wie Ethik. Es scheint, daß jeder Bereich des öffentlichen Lebens eine eigene Ehtik braucht: Verkehrsethik und Medienethik, Wirtschaftsethik und Umweltethik, Ethik der Technikfolgenabschätzung und – ganz besonders – Bioethik. Woher aber soll diese Menge Ethik kommen?

Die Ethiknachfrage kann längst nicht mehr von philosophischen Einzelhändlern befriedigt werden. Deshalb entstehen allerorten öffentlich subventionierte ethische Supermärkte, die zum Teil mit Sonderangeboten Kunden anlocken. Diese Einrichtungen heißen „Ethikzentren“. In ihnen soll, wie der Bochumer Filialleiter Hans-Martin Sass beispielsweise anbietet, die Ethik als „Serviceleistung“ vertrieben werden. Die Phase, in der sich die Philosophie mit Begriffen wie „Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung“ aufgehalten hat, müsse endlich „durchbrochen“ werden (Sass, in: ZEIT Nr. 26/1994).

Der Phasendurchbrecher Sass erhebt den Satz „Wer heilt, hat recht“ zum philosophischen Axiom. Das ist ein echter Durchbruch. Mit diesem Motto ist die Philosophie tatsächlich aus dem „Elfenbeinturm“ (Sass) ausgestiegen. Sie steht mit im Labor und assistiert am OP-Tisch: „Skalpell, Tupfer, Ethik! – Vielen Dank!“

Aber natürlich meint man es gut. Man möchte ja den Menschen helfen. Deshalb erinnern die Ethikzentren, die alle Wünsche ihrer Kunden gerne erfüllen, an die ebenfalls radikal dienstleistungsorientierten „Eroszentren“. Das sind jene heilsamen Einrichtungen, die noch auf die ausgefallensten Kundenwünsche prompt reagieren. Hier kommt man gern wieder einmal vorbei. Wie man in Eroszentren Erotik findet, findet man wohl auch in Ethikzentren Ethik. Satisfaction guaranteed.

Philosophie war einmal – spätestens seit Kant – unweigerlich verbunden mit Kritik. Damit aber soll es nun vorbei sein. Der Serviceethiker mächte den „Konsens“. Er möchte den Biotechnikern, Politikern und anderen Ethikbedürftigen ein akzeptables Diskurssortiment anbieten. Und alles wäre zum besten bestellt, wenn auch die „Medien“ zum „Gelingen eines solchen Diskurses“ beitragen würden, statt dessen „wollen sie die Kontroverse“ (Sass). Die Medien als letztes Reservat des kritischen Geschäfts, als Erbschleicher der Philosophie?

Die mittelalterliche Theologie war so vermessen, die Philosophie als bloße ancilla theologiae zu bezeichnen: als Dienstmagd der Theologie. Der Stolz der Philosophie war es, aus diesem und anderen dogmatischen Schlummern erwacht zu sein. Selber zu denken und sich seines eigenen Verstandes zu bedienen war ihr bescheidenes, aber gut gearbeitetes Angebot. Die Ethikzentren haben nun den philosophischen Eckladen der Aufklärung verdrängt. Philosophische Ethik wird als vornehmes Produktdesign vertrieben, das dazu da ist, einem Kartell aus Techno- und Expertokratie zur Akzeptanz zu verhelfen.