Von Mario Müller

Gelegentlich lernt selbst die Regierung aus Fehlern. Seit Mitte der achtziger Jahre wollte die christdemokratisch-liberale Koalition die Segnungen des Kapitalismus auch den Schlechterverdienenden näherbringen. Jeder Arbeitnehmer ein kleiner Aktionär oder wenigstens ein potentieller Hausbesitzer, so lautete die Losung, mit der Bonn damals das Vermögensbildungsgesetz änderte: Sparbücher und Lebensversicherungsverträge wurden aus dem Katalog der staatlichen Beihilfen gestrichen, fortan sollten nebem dem Bausparen nur noch vermögenswirksame Geldanlagen in Produktivkapital mit Steuermitteln gefördert werden. Der Staat gab also im Rahmen des 936-Mark-Gesetzes denjenigen Arbeitnehmern eine zehnprozentige Zulage, die Aktien und Investmentzertifikate, aber auch Anteile an Genossenschaften und GmbHs kauften.

Diese Form staatlicher Unterstützung bei der Vermögensbildung ist an sich schon ein zweifelhaftes Unterfangen. Denn in den Genuß der öffentlichen Beihilfen kommen Beschäftigte, deren jährliches zu versteuerndes Einkommen 27 000 Mark bei Ledigen beziehungsweise 54 000 Mark bei Verheirateten nicht übersteigt. Daß ausgerechnet diese Bevölkerungsgruppe, die finanziell sicher nicht auf Rosen gebettet ist und eher Gefahr läuft, den Arbeitsplatz zu verlieren, auch noch in riskante Kapitalanlagen getrieben werden soll, zählt zu den ideologischen Meisterstücken der wirtschaftsliberalen Regierungskoalition. Seriöse Bankberater jedenfalls empfehlen erst dann eine Anlage in Unternehmensbeteiligungen, wenn die Kunden über einen größeren finanziellen Fundus verfügen und die eventuellen Verluste verschmerzen können.

Doch es kam noch schlimmer. Denn diese vermögenspolitische Fehlkonstruktion öffnete dem Mißbrauch Tür und Tor. Skrupellose Geschäftemacher nutzten die Chance, ihr eigenes Vermögen wirksam zu erhöhen. Sie gründeten spezielle Anlagegesellschaften, die ihre Vertriebsleute über Land schickten, um Arbeitnehmern zulagebegünstigte Beteiligungsverträge anzudrehen. Als Türöffner diente den Drückerkolonnen sozusagen der Bundesadler: Mit dem Hinweis auf die staatliche Förderung gelang es ihnen relativ leicht, vertrauensselige Kunden über den Tisch zu ziehen und ihnen Anteile an dubiosen GmbHs oder Genossenschaften zu verkaufen. Das Geld, das diese Firmen einsammelten, sollte, so versprachen es jedenfalls die glänzenden Prospekte, in Hotels, Freizeitanlagen, Ferienwohnungen und sogar in Datenverarbeitung oder Umwelttechnik investiert werden und den Anlegern eine hohe Rendite bringen.

Doch für viele Sparer platzte der Traum vom plötzlichen Reichtum wie eine Seifenblase. "Erfolgversprechende" Firmen gingen auf wundersame Weise pleite, die erhofften Gewinnanteile lösten sich in Luft auf, und es flatterten Aufforderungen zum Nachzahlen ins Haus. Kein Wunder, denn für die Anleger kann bei solchen Modellen in der Regel nichts herausspringen. Dafür sorgen schon die im Vergleich zur Ansparsumme von jährlich 936 Mark immens hohen Kosten: Die Vermittler kassieren bei Vertragsabschluß happige Provisionen von unter Umständen mehreren tausend Mark, die Verwaltung verschlingt ebenfalls beachtliche Summen, und schließlich fordert der Initiator solcher Anlagegesellschaften noch seinen Anteil an der Beute, nach einer Faustregel der Branche meist genausoviel wie der Vertrieb. Für die Anlageobjekte selbst bleibt dann, wenn überhaupt, nicht mehr viel übrig. Und dieses wenige Geld fließt im Zweifel auch noch auf dunklen Kanälen in die Taschen von Abzockern, die ihre Firmengebilde gerne so kompliziert verflechten, daß von außen die Kapitalströme nicht mehr verfolgt werden können.

Ein prägnantes Beispiel für derartige Konstruktionen liefert die Hamburger IMFO-Gruppe. Weit über fünfzig Prozent Provisionen verspricht diese Gesellschaft der Zeitschrift Finanztest zufolge ihren Vermittlern, und den Anlegern werden Gewinne zwischen 8 und 33 Prozent in Aussicht gestellt. Das Berliner Landgericht hat die Renditeangaben inzwischen als "grob irreführend" gegeißelt, das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen ermittelt gegen die Gruppe wegen des Verdachts auf unerlaubte Bankgeschäfte.

Wie viele Firmen sich auf diesem grauen Kapitalmarkt tummeln, ist ebensowenig bekannt wie der Schaden, den sie anrichten. Er dürfte aber in die Milliarden Mark gehen. Vor allem in den neuen Bundesländern konnten die Anbieter dubioser Beteiligungsmodelle die Kunden anfangs schamlos ausnutzen. "Da ist kein Vertrag auf anständige Weise zusammengekommen", meint Helmut Kapferer vom Deutschen Finanzdienstleistungs-Informationszentrum (DFI).