Sommerpause in Bonn. Leer gähnen die Korridore im Zentrum der Macht. Minister und Abgeordnete, Staatssekretäre und Sachbearbeiter sind in den wohlverdienten Urlaub aufgebrochen. Bozen 27 Grad; Athen 33; Palma de Mallorca 30; Madrid wolkenlos 34; Bonn 28.

Wen es jetzt noch an seinem Arbeitsplatz hält, der muß Gründe haben. Notdienste, Krisenmanager, standhafte Lobbyisten. Wir haben die Situation im Griff. In verwaist wirkenden Büros verfassen die Zurückgebliebenen Briefings, Anfragen, Presseerklärungen, lustlos, schwitzend, unermüdlich. Hochgekrempelte Ärmel und gelockerte Krawatten bestimmen das Bild. Hinter vorgehaltenen Händen wird von endlos ausgedehnten Mittagspausen gesprochen.

Neuigkeiten aus der ehemaligen Bundeshauptstadt rinnen nur träge aus dem Fernschreiber. In diesen Tagen ist es denn auch kein Kommuniqué aus einem der Parteienlager, das die größte Aufmerksamkeit beansprucht; die drängendste Nachricht kommt vom Bundesverband der deutschen Sauerkonservenindustrie, und sie ist kurz gehalten: Der deutschen Gurke hat die Hitze stark zugesetzt. Die diesjährige Ernte werde also geringer ausfallen. „Wenn es so bleibt“, erklärt ein Sprecher, „werden die Preise anziehen.“

Man ahnt es. Was immer neben dieser Nachricht noch wahrgenommen werden will, muß von einiger Bedeutung sein. In der heißen Zeit fassen auch Prominente sich kurz, ohne Not gewährt niemand ein Interview.

Neues von Lothar Matthäus war aus Hawaii zu vernehmen. Wir können nur vermuten, wie es um den Nationalspieler bestellt war, als er einem Reporter ins Mikrophon sprach. Die Temperatur liegt dort deutlich über der in Europa, was Urlauber gewöhnlich mit Aufenthalten am Swimming-pool zu kompensieren suchen. Ein kühlendes Getränk mag der Nationalspieler in der Faust gehabt haben, der Schweiß stand ihm dennoch auf der Stirn. Zu erfahren war, daß Matthäus seinen Rücktritt aus der Fußball-Nationalmannschaft angedeutet habe. Nicht angekündigt, nicht ausgesprochen, nur angedeutet. Hierzulande zuckten da nicht wenige mit den Achseln; wem das Alter des Spielers erinnerlich ist, empfand keinen Schrecken. Die eigenen Sorgen scheinen wichtiger. Der deutschen Gurke hat die Hitze stark zugesetzt.

Wer nicht genug Kraft verspürt, sich um einen Platz am Strand von Benidorm oder Rimini zu balgen, zieht sich in seinen Schrebergarten zurück. Wege müssen begradigt, Rabatten gepflegt. Radieschen gezupft werden. Nach der kurzen Unterbrechung im Frühsommer kann die Arbeit wiederaufgenommen werden. Damals hieß es, der prominente französische Designer Philippe Starck habe mit dem Vertrieb eines von ihm entworfenen Fertighauses begonnen, der sogenannten Starckinette. Der Bauplan koste 1500 Mark, die Materialien könne der Bauherr sich selbst beschaffen, das Haus selbst aufbauen.

Viele lockte die Kunde aus Hobbykellern und Schuppen. Trennscheiben unterbrachen ihr Jaulen, Drillbohrer wurden beiseite gelegt. In hoffnungsvoller Erwartung lösten sich schwielige Hände von Schraubendrehern.