BERLIN. – Seit einem halben Jahr regiert ein PDS-Bürgermeister Neuruppin. "Rote Socke?" – nein, der Begriff kommt dem CDU-Mann nicht in den Sinn. "Das paßt nicht auf die Verhältnisse in Neuruppin." Und schon gar nicht auf Otto Theel. Reinhard Sommerfeld kennt "Us Otto" schließlich schon seit Jahren: "eine sehr ruhige, sachliche Person". Heinz-Joachim Karau, pensionierter Pastor der Klosterkirche, hat ihn als "offen und ehrlich" erlebt. "Der Otto", das weiß auch der Sozialdemokrat, "ist eigentlich ein ganz Lieber – herzlich, immer ein offenes Ohr für Probleme." Ehrenerklärungen für einen, der andernorts für politische Schreckensvisionen taugt, denn Otto Theel hat ein schlimmes Parteibuch und ein hohes Amt: Er ist Mitglied der PDS und Bürgermeister von Neuruppin.

Als erste Kreisstadt in Deutschland hat die brandenburgische Kommune, die stolz ist, daß Theodor Fontane hier geboren wurde, im Dezember letzten Jahres einen PDS-Mann zum Stadtoberhaupt gewählt. Von den sechs Kandidaten bekam der 54jährige Otto Theel die meisten Stimmen. "PDS regiert jetzt die Fontane-Stadt!" schauerte es die Bild, und anfangs, erinnert sich Christdemokrat Sommerfeld, "da war es wirklich ganz schlimm. Da riefen Lieferanten und Banken völlig aufgeregt bei mir an: Seid ihr verrückt geworden? Jetzt wird doch niemand mehr bei euch investieren."

Ein halbes Jahr ist Otto Theel jetzt im Amt, und kein Hahn kräht mehr nach seiner Parteizugehörigkeit: "Außenstehende würden es ja auch gar nicht merken", versichern selbst seine politischen Kontrahenten. Die Uhren der Kommunalpolitik ticken eh anders als die der "großen Politik". Neuruppin ist ein gutes Beispiel dafür: Jahrelang war man ohnehin in ein und derselben (Einheits-)Partei, hat Schreibtisch an Schreibtisch mit den Genossen-Kollegen den Plan (nicht) erfüllt, in der Kaufhalle nach Mangelware angestanden und sich über den Gartenzaun hinweg die Heckenschere geborgt. Man kennt sich, und Otto Theel, das wissen die Neuruppiner, war keiner von der schlimmen Sorte: ein Mann ohne Funktionärsgehabe, mit ökonomischem Sachverstand und Hang zur Selbstironie. Jahrelang hat er im Brandenburger Stahlwerk gearbeitet, bis ihn die Partei als Wirtschaftssekretär zur SED-Kreisleitung nach Neuruppin versetzte. Dort hat er (Theel heute über Theel gestern) "all das gemacht, was nicht geklappt hat". Auf diesem Posten war er kein kleines Licht. Doch während der Wende hat er sich viel Vertrauen durch Mitarbeit am Runden Tisch erworben. Daß er, der bruchlos von der SED in die PDS wechselte, Herr über 34 000 Neuruppiner werden könnte, das hätte er "im Leben nicht geglaubt".

Inzwischen weiß man, wie das kam: Als die Neuruppiner im Dezember 1993 zur Kommunalwahl gingen, waren CDU, SPD und Bürgerbewegung heillos in interne Querelen verbissen. In der Kommunalpolitik klappte nichts. Der Aufschwung machte nur ein paar müde Klimmzüge, und die alte Stadtregierung jonglierte so lange mit Millionen, bis sie nicht mehr aufzufinden waren. Die Quittung am Wahltag: Die regierende SPD verlor fast die Hälfte ihrer Stadtverordnetensitze, die CDU kam auf kümmerliche drei Mandate, die PDS wurde zur zweitstärksten Fraktion.

"Daß wir jetzt einen PDS-Bürgermeister haben", schimpft Sozialdemokrat Siegfried Wittkopf noch heute, "ist ein hausgemachtes Problem." Nur, wenn er richtig drüber nachdenkt, "ist es eigentlich gar kein Problem". Anfangs hatte die SPD noch spekuliert, Theels Amtsantritt mit taktischen Manövern verzögern zu können. Heute fällt es Siegfried Wittkopf schwer, unter den politisch Aktiven im Ort einen besseren Bürgermeister zu finden. Und: "Kein einziger Fall" ist dem CDU-Mann Sommerfeld bekannt, wo die Präsenz des PDS-Bürgermeisters einen Investor verschreckt hätte. Und was "der Otto" in seiner Antrittsrede als Ziel formuliert hat, "ein CDU-Politiker hätte es nicht anders sagen können."

Bisher sind bundespolitische Aufgeregtheit und parteipolitische Lagermentalität noch nicht ins Neuruppiner Rathaus geschwappt. In den wichtigsten Sachfragen herrscht weitgehende Einigkeit. Probleme hat der neue Mann denn auch weniger mit den Etablierten Parteien als mit den "Alternativen" und mit seiner eigenen Partei. Beim Bündnis 90 etwa stoßen seine Pläne für einen großen Freizeitpark auf Skepsis. Wäre es nach der PDS gegangen, Theel hätte bei der Verabschiedung des Haushalts gegen seine eigene Vorlage stimmen müssen. Etliche Verstöße gegen PDS-Heiligtümer lasten eh schon auf seinem Konto: Teile des öffentlichen Dienstes mußte er als Stadtoberhaupt privatisieren, die weiße Flotte der Fahrgastschiffe einer GmbH überlassen, im Erziehungsbereich sogar Kündigungen aussprechen. "Das war hart", sagt Theel, "aber ich bin nun mal Bürgermeister einer Stadt und nicht einer Partei."

Was der PDS-Mann immer wieder beklagt, können seine Amtskollegen von Recklinghausen bis Zittau unterschreiben: Auch die engagiertesten Kommunalpolitiker stehen mit leeren Händen da. Durch die Verteilung der Gelder ist der Handlungsspielraum auf ein Minimum geschrumpft. Das bringt den Aufschwung zwar nicht voran, dämpft aber manch politische Hysterie – auch im märkischen Neuruppin. Ein PDS-Bürgermeister wie Otto Theel könnte, selbst wenn er wollte, gar nicht viel falsch machen – aber eben auch nicht viel richtig. Vera Gaserow