Von Karl Schlögel

Moskau ist groß. Moskau hat sieben Bahnhöfe. Täglich sind es Hunderttausende, die unterwegs sind von einem Ende der eurasischen Ebene zum anderen. Im Gewimmel der Bahnhöfe der russischen Metropole kreuzen sich die alten Wege des Reiches und die Routen des neuen Rußland. Soldaten aus den Garnisonen, Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsgebieten, commis voyageurs, die zwischen Istanbul und Archangelsk pendeln. Familien auf dem Weg zurück in die Sommerfrische bei Verwandten auf dem Dorf. Menschen erschöpft auf dem Weg in die Provinz. Und auf jeden Reisenden entfällt ein Riesenbündel, von dem man sich wundert, daß es bewegt werden kann. An den Bahnhöfen berührt sich das unterirdische Moskau der Metro mit dem oberirdischen Tag für Tag. Ein ganzes Volk auf Wanderschaft. Alltagsarbeit der großen Stadt.

Ein historischer Augenblick wie Alexander Solschenizyns Ankunft am Jaroslawler Bahnhof am Donnerstag, 21. Juli 1994, ist darin nur ein Moment. Eine Sekunde gespannte Unruhe, gereckte Hälse, hervorgerufen vom massiven Aufgebot ausländischer Fernsehleute. Moskauer Würdenträger und Sicherheitskräfte. Zwischenrufe und Blitzlichtgewitter. Dann ist es vorbei.

Viele sind gekommen, aber noch mehr sind zu Hause geblieben. Es hängt vorerst nichts mehr an symbolischen Gesten. Die Zeit der öffentlichen Bekenntnisse und Gesinnungsübungen ist vorbei. Das neue Moskau ehrt den Helden der sechziger Jahre mit einer Demonstration seiner Gelassenheit, mit der Indifferenz jeder Errungenschaft einer Metropole, die sich durch Krisen, Haupt- und Staatsaktionen oder historische Augenblicke nicht aus der Ruhe bringen läßt. Nichts konnte deutlicher machen, daß der neue Zustand unumkehrbar geworden ist.

Solschenizyn unternimmt im Alter von 76 Jahren die riskanteste Reise seines Lebens – sie geht in die Terra incognita des postsowjetischen Rußland. Er hat weit mehr verlassen als nur den sicheren Ort in Vermont. Das sowjetische Rußland, das er kannte, gibt es nicht mehr, und das vorsowjetische Rußland, um das sein Denken so sehr kreist, ist unwiederbringlich dahin. Das Moskau, aus dem er gewaltsam fortgeschafft wurde, ist Geschichte.

Reise in die große Unordnung

Die Reise geht an einen verwaisten Ort und in eine unübersichtliche Gegenwart. Solschenizyn wird zum Akteur in einem Drama, in dem es keine Regisseure gibt und in dem Propheten, die mehr sein wollen als die Interpreten der wirklichen Bewegung, nur scheitern können. Alles ist möglich: ein russisches Wunder, aber auch eine Katastrophe; ein Prophet, der zum Verhängnis wird, und ein Genius, der das vermittelnde Wort findet, an dem alles hängen kann.