Wer durch die Ginko-Allee auf den Eingang des Wohnheims Yoshida-Ryo zugeht, wird von einem wahren Klangbad umspült. Dort spielt eine Geige Mendelssohn-Bartholdy, da bläst eine Tuba Tonleitern, und ein Bassist schafft sich inmitten parkender Fahrräder eine Nische. Es probt das Orchester der Kyoto-Universität. Ruhig wird es hier, wie im angrenzenden Wohnheim, meist erst am frühen Morgen.

Mit dem alten Yoshida-Ryo birgt Kyodai, eine der renommiertesten staatlichen Universitäten Japans, ein ganz besonderes Relikt aus ihrer Gründerzeit. Ganz im Süden des Campus liegt die Unterkunft für die Kyodai-Studenten auf einer wilden Wiese zwischen hohen, alten Bäumen. Was mancher als „Baracke“ geringschätzt, verdiente es eigentlich, unter Denkmalschutz gestellt zu werden. In seiner jetzigen Form steht das Wohnheim seit 1913, doch der ursprüngliche Bau wurde schon mit Gründung der Universität 1897 bezogen. Wegen wilden Gebarens der Studenten wurde es 1905 geschlossen, doch schon ein Jahr später in studentischer Selbstverwaltung wiedereröffnet. Und diese Tradition hält bis heute.

Mit einem Probenraum für Bands, einer Dunkelkammer, Theaterbühne und diversen Gemüsebeeten sind den individuellen Entfaltungswünschen hier keine Grenzen gesetzt. Durchgehend besetzt sind meist die Computerspiele und der Raum mit den bunten japanischen Comics. Man möchte kaum glauben, daß die hier Wohnenden Studenten der Kyoto-Universität sind, einer Adresse, die jeden Japaner unweigerlich zu Ausdrücken der Bewunderung hinreißt. Und angesichts der Tatsache, daß japanischen Schülern bis zum Eintritt in die Universität selbst Haar- oder Rocklänge vorgeschrieben wird, kann man sich vorstellen, welche Erleichterung die Selbstverwaltung bedeutet.

Äußerlich heißt Selbstverwaltung zunächst, daß Schließzeiten abgeschafft wurden, die sonst durchaus üblich sind. Nicht wenige der japanischen Studentinnen sind noch heute daran gewöhnt, sich um zehn Uhr in ihren Wohnheimen einzufinden. Erst vor acht Jahren beschloß die Vollversammlung übrigens, das Ryo auch für Studentinnen zu öffnen. Noch bis in die Mitte der sechziger Jahre hinein war die Geschichte des Wohnheims vom Charakter deutscher Burschenschaften geprägt. Denn in der Meiji-Zeit (1868 bis 1912) hatte sich Japan an Preußen orientiert, etwa bei der neuen Verfassung oder der Entwicklung der Medizin. Besonders an staatlichen Universitäten wurden auch deutsche Studentenbräuche aufgegriffen. Und so wurde tagsüber dem Eliteanspruch genügt und studiert, was das Zeug hielt, abends aber das Vergnügungsviertel Kyotos aufgesucht oder im Wohnheim ein Saufgelage veranstaltet, wie es die Ryo-Zeitungen aus jener Zeit berichten. Im Kopf einer Studentenzeitung stand damals übrigens in japanischer Silbenschrift „Aruto-Haiderubago“ – „Alt-Heidelberg“.

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Die Vorstellung, daß heute im Yoshida-Ryo die Geschlechter nicht in separaten Flügeln untergebracht sind, sondern die Studentinnen, die etwa ein Drittel der Belegschaft bilden, sich ihre Zimmer mitten in der ehemaligen Männerdomäne wählen, bereitet vielen Japanern immer noch Schwierigkeiten. Dabei ist der Gedanke nicht ganz so abschreckend, daß sich zwei oder mehrere Studentinnen ein Zimmer teilen. Im Gegenteil empfinden es viele Ryo-Bewohner als einen Vorteil und belassen es gern bei dieser Lebensweise. Doch wäre es der Universitätsleitung lieber, die Studenten in Einzelzimmern untergebracht zu sehen und auch der Selbstverwaltung ein Ende setzen zu können. Seit 1985 ruht in den Schubladen der Universitätsleitung der Plan für einen modernen Betonbau mit Einzelappartements, die von der Universitätsleitung vermietet werden.