Von Gabriele Venzky

Zur Hexenjagd wird schon seit langem geblasen. Nicht nur gegen Taslima Nasrin, sondern gegen alle in den islamischen Ländern, die sich nicht der Meinungsdiktatur der Mullahs unterwerfen wollen. Wir haben es nur nicht merken wollen. Aber als wir es dann endlich merken mußten, weil nämlich Hunderttausende durch die Straßen der Städte und Dörfer in Bangladesch stürmten – allesamt Männer, wohlgemerkt –, die Tag für Tag die Hinrichtung der gotteslästerlichen Schriftstellerin fordern, als sie drohten, Giftschlangen in der Hauptstadt Dhaka auszusetzen, und für den 29. Juli gar eine Massendemonstration aller "aufrechten Muslime" des 120-Millionen-Volkes ankündigten, die Taslima endlich hängen sehen wollen, da erhob sich, viel zu spät, der Protest im Westen und die zögernden Regierungen boten der Verfolgten an, ihre Länder zu "besuchen". Nein, von Asyl war natürlich nicht die Rede. Schließlich können die Briten ein Lied davon singen, was das kostet: Salman Rushdie muß nun schon im sechsten Jahr rund um die Uhr bewacht werden.

Außerdem wissen die Herren in Bonn es ganz genau: "Die will ja nur ins Gelobte Land, in die USA." Daraus spricht die gleiche Ignoranz wie aus der Behauptung der Neider: "Die hat den ganzen Rummel doch nur deshalb inszeniert, weil sie Geld machen will." Taslima Nasrin allerdings schreibt ganz bewußt nicht in der Weltsprache Englisch, sondern in Bangla: "Weil ich meinen Leuten etwas zu sagen habe."

Bis Anfang Juni noch, als sie sich in den Untergrund retten mußte, weil zuletzt sogar der Staat hinter ihr her war, da sie in einem Zeitungsinterview angeblich die religiösen Gefühle der Bangladescher verletzt hatte, war ihr auch nie der Gedanke gekommen, ihre Heimat zu verlassen: "Eine wenigstens muß hier doch die Wahrheit schreiben, wenn die anderen sich schon nicht trauen."

Doch wozu die ganze Aufregung? Schreibt uns doch ("zur gefl. Verwendung") die Botschaft Bangladeschs in Bonn: "Es stellt sich nicht die Frage einer Verfolgung." Dann allerdings folgt die verräterische Bemerkung: "Die allgemeinen Grenzen von Grundrechten und Redefreiheit werden durch die Gesetze einer bestimmten Gesellschaft bestimmt. Jede Gesellschaft muß abwägen zwischen den Rechten der Gemeinschaft und den Rechten des Individuums." Mit anderen Worten: Je schwächer und unsicherer eine Regierung, desto schneller bleiben die Rechte des einzelnen auf der Strecke. Denn die "Gemeinschaft" läßt sich gerade dort besonders leicht mißbrauchen, wo sie besonders arm, besonders benachteiligt, besonders perspektivlos ist. In islamischen Ländern geschieht das unter dem Banner der Religion. Aber in Wahrheit geht es um Politik, also um Macht.

Wenn Taslima Nasrin die Gleichheit von Mann und Frau fordert und den Koran wie übrigens die Veda der Hindus und die Bibel der Christen auch daraufhin untersucht, wie jahrhundertelange Interpretationen durch Männer die ursprünglichen Texte verfälscht haben, um die männliche Herrschaft über die Frau durch die jeweils Heilige Schrift zu sanktionieren, dann schreibt zwar Salman Rushdie in einem aufmunternden Brief an die Verfolgte: "Sie haben gesagt, was gesagt werden mußte." Aber durch derartige Äußerungen fühlen sich genau diejenigen bedroht, die zum Marsch an die Macht angesetzt haben: die Extremisten, die Mullahs und Maulvis. Die radikale Partei Jamaat-i-Islami weiß sehr wohl, daß die Regierung der Premierministerin Khaleda Zia nur mit ihren Stimmen eine Mehrheit im Parlament in Dhaka hat. Daß sie bei den letzten, da demokratischen, Wahlen nur achtzehn Sitze gewonnen hat, kann sie freilich nicht verschmerzen. Weil aber den vehement freiheitsdurstigen Bengalen, die nicht nur die fremden pakistanischen Diktatoren, sondern auch die eigenen Generäle gestürzt haben, durch die Vordertür nicht beizukommen ist, versucht Jamaat es nun durch die Hintertür. In großer Eile wird das ganze Land, das Land Tagores!, mit einem dichten Netz von Moscheen und Madrassahs (Koranschulen) überzogen. Das Geld stammt aus dem radikalen und orthodoxen Ausland, aus Iran und Saudi-Arabien.

Nun hat der Kampf um die Herzen und Köpfe der Menschen begonnen. Taslima Nasrins freimütige Äußerungen wie "Religionen haben sich überholt. Die Religion der heutigen Zeit sollte der Humanismus sein", ist Wasser auf die Mühlen der Mullahs. Mit nichts lassen sich Massen in islamischen Ländern so leicht mobilisieren wie mit der Gefahr, die von angeblich "blasphemischen Worten und Taten" droht.