Von Christian Schmidt-Häuer

Vergangene Woche in der Moskauer Frunse-Militärakademie: Die Hitze drückt, die Zimmertüren stehen offen. Zwei Räume nebeneinander, in jedem ein Oberst an seinem Computer. „Kannst du mir mal sagen, wie es heute mit Stahl an der Börse aussieht?“ ruft der eine. – „Laß mich in Ruhe“, raunzt der andere zurück, „ich kümmere mich schon seit Stunden um Kupfer und komme damit überhaupt nicht weiter.“

Ein Land handelt – und zwar schwarz. Mit allem und jedem. Die Eliten und die Staatsschützer, die Bürgermeister und die Institute vorneweg. Wurden außer Öl, Holz, Diamanten, seltenen Metallen nun auch radioaktive Stoffe illegal exportiert, „waffengrädiges Spaltmaterial“? Die „russische Mafia im Besitz der wichtigsten Teile von Atombomben“, wie es sich die Bild am Sonntag am Tage der Europawahl schön gruselig vom Bonner Staatsminister Bernd Schmidbauer (CDU) anvertrauen ließ?

Richtig ist: Jahrzehntelang haben sowjetische Atomreaktoren – viele davon in großen Städten oder in deren Nähe gelegen – Plutonium für Bomben oder Strom für die Industrie und Prestige für ein Land erzeugt, das stets gegen den Komplex der technischen Rückständigkeit kämpfte. Jetzt, da der Kalte Krieg fürs erste vorbei ist, die Raketen abgewrackt werden, die Macht, die Moral und die wirtschaftlichen Mittel passé sind – jetzt bedrohen die veralteten Atomanlagen Rußland und die Welt wie nie zuvor. Sie sind Zeitbomben, für deren Zünder es keine sichere Gesamtkontrolle mehr gibt.

Die Gefahr, die einstweilen realer ist als die Bomben in Mafiahand: Es gibt keine umfassende Schutzkonzeption für die Halden russischen Nuklearmaterials. Es gibt keine verläßliche Regelung des Binnenverkehrs und der Inventur innerhalb vieler geschlossener Objekte. Es gibt keine Garantien für lückenlos funktionierende Signal-, Warn- und Meßeinrichtungen. Und es gibt dazu ein potentielles Regelungsdesaster, weil die Kompetenzen zwischen den zuständigen Ministerien und Sicherheitsorganen völlig ungenügend abgegrenzt sind.

Zwar wiegelt Moskau – nach der westlichen Panik über den baden-württembergischen Fund von waffenfähigem Plutonium 239 wahrscheinlich russischer Herkunft – erst einmal ab. Bei der Sicherung des nuklearen Materials in der auseinandergeborstenen Sowjetunion gelten aber für Tausende die Versuchung und die Devise: Alles bewegliche radioaktive Material unterliegt dem Handel. Was einen Geigerzähler ausschlagen läßt, ist verkäuflich.

Die Legende von den nuklearen Nuggets, für die man so viel Dollar bekommen kann, ist wie ein Lauffeuer durch ein Land gegangen, in dem das Faustrecht der Privatisierung über Verfassung und Gesetze herrscht, die von Exekutive und Legislative sowieso täglich verletzt werden. Eine Art plötzlicher Goldgräberrausch läßt mehr und mehr Atomarbeiter und Schichtmeister, die das Mißverhältnis zwischen ihrer Verarmung und ihrer Verantwortung empört, zu Desperados werden. Das neue Klondike heißt hier Nukedike.