Früher war das Leben einfacher, ach ja. Da dauerte die Saison noch von Michaelis bis Ostern, der Rest des Jahres war zum Üben da. Die Opernhäuser waren geschlossen, die Bürgersteige hochgeklappt, große Konzertsäle und grantige Musikkritiker gab es noch gar nicht – und das Stadtpalais samt Musiksalon mit Kielflügel drin übersommerte friedlich unter Schonbezügen, derweil die Musiker, sofern sie nicht saisonbedingt entlassen wurden, mit ihrer Herrschaft in die Sommerfrische reisten. Heitere Gefühle bei der Ankunft!

Auf dem Lande soll es damals auch noch himmlisch ruhig gewesen sein. Höchstens, daß abends einmal die Nachtigall schlug oder frühmorgens die Blasmusik zum Schützenfest rief. So ein Fest dauerte dann einen Sonntag. Heutzutage dauern Schützenfeste bis zu einer Woche, und niemand im Sprengel mag mehr Schützenkönig werden, weil der Spaß viel zu teuer geworden ist. In der Stadt, heutzutage, sind die Opern-Schließzeiten zusammengeschnurrt auf einen knappen Monat, und der ist randvollgestopft mit saisonüberbrückenden Stadtmusikfesten, Freiluftkonzerten oder Stadtranderholungsoperngalas. Die Musickritiker sind im Sommer ganz besonders grantig: Sie haben zu viel zu tun. Wie andererseits die Musiker es schaffen, gut gelaunt an drei oder vier Orten gleichzeitig herumzufranzeln, bleibt ihr Geheimnis. Egal, wohin Mensch reist – sie sind schon da. Überall und jederzeit ist gerade wieder ein neues Musikfestival ausgebrochen, und besonders betroffen davon sind die Ostprovinzen.

Eben ging das erste Lausitzer Musikfest in und um Bautzen herum zu Ende, auch das zweite Sächsisch-Böhmische Musikfest und der Märkische Musiksommer sind schon vorbei. Dafür dauern die vierten Brandenburgischen Sommerkonzerte erfolgreich an, von Luckau über Treuenbrietzen bis Cottbus. Auch der lärmig dreiländerbeschallende MDR-Musiksommer läuft weiter, außerdem hat das zweite Rossinifestival auf Rügen begonnen, demnächst folgen das zweite Moritzburger Kammermusikfestival sowie das erste Usedomer Musikfest mit Schirmherr Kurt Masur.

Der war auch neulich beim sechsten internationalen Musikfest in Brzeg (Brieg) dabei und hat, erstmals zu Gast in seiner Heimatstadt, die Uraufführung einer ihm und allen Schlesiern gewidmeten Original-Brzeg-Kantate von Janus Dariusz Telejko dirigiert, die von guten alten Zeiten sowie vom Verlust derselben schwärmt: "Mir so nah in der Ferne... wie Wohlgeruch des Brotes, wie schläfriges Mondeshörnchen." Oder waren es nicht doch Mohnhörnchen?

In Chemnitz gab es derweil die erste Mozartwoche, in Rudolstadt das zweite Siegfried-Wagner-Festspiel, im maroden alten Greifswald die traditionellen Bachwochen. Und zu den Berliner Bachtagen (auch ganz Berlin ist ökonomisch betrachtet tiefer Osten, und die Bachtage sind schwer bedroht) strömten Ost- wie Westberliner in den Berliner Dom (also quasi mitten ins Herz des kaputten Haupt- und Staatsdorfes), mischten sich da und lauschten, endlich auch äußerlich ununterscheidbar und nie mehr zweigeteilt, dem schwebenden Gesang der Tallis-Scholars.

Musik schafft Ordnung. Musik hilft heilen und klebt zusammen. Jedes neue Musikfest in strukturschwacher Region wirkt wie ein Vorschein von Aufschwung. Gewiß ist Musikfest nicht gleich Musikfest, man soll da sauber unterscheiden. Manche Festivals sind schon Monate im voraus ausgebucht, andere müssen bis zuletzt barmen: Noch Karten! Kauft Karten! Einige tun es dem Schleswig-Holstein-Zirkus nach und wälzen große Namen und Geldsummen um. Andere legen Wert aufs Lokale, tragen sich selbst und spielen sogar nebenbei ein bescheidenes Scherflein für gute Zwecke ein: Die brandenburgischen Landpartien mit Klassik beispielsweise haben in der letzten Saison rund 60 000 Mark Erlös weiterreichen können an die bedürftige brandenburgische Denkmalpflege. Auch der Thüringer Orgelsommer möchte dem Denkmalpfleger bei der Restaurierung historischer Instrumente helfen.

Mit dem Glanz der alten Festival-Dinos freilich können sich die kleinen Neuen im armen Osten sowieso nicht messen. Rheinsberg ist nicht Salzburg, und aus Rudolstadt wird gewiß niemals Bayreuth. Auch ist Usedom nicht New York, nur Masur bleibt Masur. Ach ja, grantelt da der Musikkritiker und will am liebsten Schonbezüge über den alten Glanz und selber schnell in die Sommerfrische ziehen. Trotzdem. Es ist herrlich, wenn in Bautzen Norman Shetler die "Schöne Müllerin" akkompagniert. Es ist schön, daß der RIAS-Kammerchor in Lehnin Schönberg singt. Und es wäre schade, wenn die Berliner Bachtage, bloß weil die Stadt vorübergehend Ostprovinz geworden ist, dem Aufschwung Ost zum Opfer fallen sollten. Eleonore Büning