Tiere im Krankenhaus, wo gibt es denn so was? Im Erlanger Bezirkskrankenhaus zum Beispiel. Dort steht nicht nur auf jeder Station ein Aquarium. In und um das Krankenhaus leben drei Hunde, dreißig Schafe, mehrere Katzen, etliche Meerschweinchen, zwei Papageien und rund fünfzig andere Vögel. Auf der Intensivstation und im Operationssaal haben Tiere natürlich nichts zu suchen. In Rehabilitationszentren und Psychiatrien können sie aber heilen helfen oder zumindest unpersönliche Krankensäle wohnlicher machen. Auch in Erziehungsanstalten, Altersheimen und Gefängnissen könnten Haustiere für menschlichere Verhältnisse sorgen. Doch ist es dort meist verboten, welche zu halten. "Besser Gekrächze vom Papagei als vom Fernseher", meint dagegen Holger Schneider, der Leiter des Erlanger Psychiatrischen Krankenhauses.

Niemand hatte daran gedacht, in der Klinik Tiere einzuführen, bis eines Tages verwilderte Katzen auftauchten. Ein Streit zwischen Vogelschützern und Katzenliebhabern entbrannte. Eine Arbeitsgruppe "Tiere in der Psychiatrie" aus Patienten und Betreuern einigte sich auf den Kompromiß, die Katzen zu sterilisieren und einige davon auf dem Gelände zu halten. Kurz danach nahm die Klinik dann 25 Schafe unter ihre Fittiche.

Der Umgang mit Tieren kann das Selbstwertgefühl der Patienten steigern. Denn Katzen, Schafe und Hunde unterscheiden nicht zwischen gesunden und kranken Menschen. Sie lassen sich von jedem streicheln und pflegen; von ihnen können sich alle akzeptiert fühlen. "Es gibt immer mehr Kliniken, denen bewußt wird, daß sie mit Tieren Normalität herstellen können", urteilt Schneider.

In der Fachliteratur sind sogar etliche Fälle geschildert, in denen Haustiere als Kotherapeuten auftraten. Die Wissenschaftspublizistin Sylvia Greiffenhagen hat die wichtigsten davon in ihrem Buch "Tiere als Therapie" (Droemer Knaur) zusammengetragen. Hunde, Katzen und Vögel halfen vor allem Patienten, die jeden Kontakt mit der Außenwelt eingestellt hatten. Den Tieren gelang, woran die Ärzte scheiterten: Sie durchbrachen die Isolation, die zum Beispiel Autisten oder Schizophrene um sich herum aufgebaut hatten. Oft kam es nur durch Zufall zu einer erfolgreichen pet facilitated therapy (haustiergestützten Therapie). Einmal flog gerade eine Taube am Fenster vorbei, und ein Betreuer bemerkte die positive Reaktion einer Patientin darauf. Ein andermal hatte ein Kindertherapeut vor der Sprechstunde vergessen, seinen Hund aus dem Zimmer zu schicken. Die Töle begrüßte stürmisch den nächsten Besucher, einen Jungen, der völlig in sich zurückgezogen lebte. Über das Tier konnte der Psychiater das Vertrauen des kleinen Patienten gewinnen, der sich zuvor sämtlichen Behandlungsversuchen widersetzt hatte.

Animalische Kotherapeuten sind – zumindest bisher – die Ausnahme. Ihr Stellenwert in der Psychiatrie ist ungeklärt. Eine stringente Theorie dazu gibt es nicht. Wissenschaftlich erwiesen ist indes, daß Tiere allein durch ihre Anwesenheit bei Menschen den Blutdruck und die Herzfrequenz senken. Einige Forscher sehen darin ein archaisches Verhaltensmuster. Primaten werten es als Zeichen von Gefahr, wenn andere Tiere nervös werden. Als Entwarnung gilt ihnen dagegen zum Beispiel eine ruhig grasende Antilopenherde. Genauso wirke auf den Menschen heute noch besänftigend, wenn ein Hund entspannt daliegt, eine Katze behaglich schnurrt oder Fische gelassen ihre Bahnen im Aquarium ziehen.

Bei einer pet facilitated therapy sollten Psychiater freilich darauf achten, die Tiere nicht zu verheizen. Zu viele Herrchen und Frauchen mästen ihre geliebten Vierbeiner, bis sie kaum mehr laufen können, und stecken sie in schmucke Jogginganzüge. Bekommt der kleine Liebling daraufhin Neurosen, schicken sie ihn zum Psychiater – nicht als Kotherapeuten, sondern als Patienten.

Wolfgang Blum