BERLIN. – Etwas fehlte noch, aber was war es? Die Staukilometer als letzte Nachricht der Stadtflüchtlinge und die Mineralwasserrekorde; die Bezirksreform und die täglichen Ozonwerte; die Sparklausur des Senats und die Radiowarnung für Hauttyp 3 (36 bis 54 Minuten Sonnenaufenthaltsdauer) – der Berliner Sommer, die Einheit von Krise und Hitze, bei 35 Grad im Schatten. Aber irgendwie war’s noch nicht komplett. Richtig, da kam er auch schon, der gewohnte Sommerauftritt des CDU-Fraktionsgeschäftsführers Volker Liepelt: der alljährliche Kampfaufruf gegen das Grillen im Tiergarten. Die grüne Lunge Berlins muß rein bleiben. Der Rauchkrebs und die Kohlekarzinome auf dem heiligen Rasen können nicht länger ertragen werden.

Wie immer wurde vorgerechnet, wie viele Rasenstücke, durch Holzkohle verbrannt, wieder im Herbst ausgewechselt werden müssen; wie immer winkten die anderen Parteien ab. Eine große Koalition gegen das Grillvolk läßt sich bislang nicht organisieren. Der Einsatz von Verbotsschildern, Polizei und verschärfter ökologischer Argumentation ist längst gescheitert. Resigniert erklärten die Grünen, man könne schließlich nicht dagegen vorgehen, daß sich die Leute in der eigenen Stadt wohl fühlen. Die Sozialdemokraten erheben es zum Problem fehlender Mülltonnen und fester Grillplätze. Derweilen schwebt die Rauchglocke über der Mitte Berlins, weht hinüber zu Staatsbesuchen und letzten Auftritten der russischen Armee.

Was aber unter den Grillschwaden erscheint, ist nichts anderes als die real existierende multikulturelle Gesellschaft. Die türkischen Großfamilien, technisch bestens ausgestattet; die Frauenreihe, die die Salate vorbereitet, und die Männer, die mit patriarchalischem Ernst das Grillgut wenden. Die alternativen Stämme mit ihren Picknickmischformen, die Fußballer, die barbusigen Frauen neben der Kopftuchkeuschheit der Türkinnen. Hier ist alles gemischt und voneinander getrennt. Die multikulturelle Szene ist keine Gemeinschaft, keine Utopie. Hier wird niemand von niemandem integriert. Alle bleiben miteinander unter sich. Toleranz ist die kraftsparendste Form, den Tag zu nutzen.

Berlin besitzt genügend große Parkflächen, die sich zum Teil leichter erreichen lassen, vor allem seitdem die Mitte immer mehr durch Baustellen vom Rest der Stadt abgetrennt wird. Auch in der Jungfernheide oder Hasenheide sieht man ähnliche Mischungen der Grillgesellschaft. Allein, nichts läßt sich mit dem Massenauftrieb im Tiergarten vergleichen. Insbesondere der harte Kern der grillenden Massen versammelt sich in Reichstagsnähe, akkurat an dem Platz, der für das neue Kanzleramt vorgesehen ist. Ein Zufall? Anarchische Tendenzen sollen hier nicht unterstellt werden, dafür ist der Sommer zu heiß. Aber die Sichtbeziehungen zur Stadtsilhouette und Repräsentationsbauten gehören doch irgenwie dazu. Hier zieht es das Volk nicht ins Grüne, sondern im Grünen wird es zur Stadt gezogen. Wenn es etwas Verbindendes gibt, dann ist es eine Art Selbstinszenierung oder Selbstdarstellung der Massen inmitten der Stadt.

Roman Herzog hatte bekanntlich gleich bei Amtsantritt vor seiner Volksnähe gewarnt und erklärt, er werde sich auch im Amt nicht daran hindern lassen, dem Volk am Wurststand aufs Maul zu schauen. Nun, in Berlin beißt man weniger in eine Wurst und äußert eine Meinung. Das Volksnahrungsmittel ist schließlich der Döner. Und da ist es schwierig, eine Meinung zu äußern, ohne die Hälfte des Krautsalats mit Knoblauchsoße zu verlieren. Doch der Bundespräsident im Schloß Bellevue braucht nur die Fenster zu öffnen, um das Volk zu riechen. Damit ist auch schon eine der großen Aufgaben des Präsidenten der Berliner Republik beschrieben: nämlich nichts zu tun und die Nähe des Volks hinzunehmen. Aber das ist nur eine andere Formulierung der Tatsache, daß er der erste Bundespräsident ist, der in einer Großstadt wohnt. Und insofern hätte er doch etwas zu tun. Er müßte sich auch wehren gegen die immer wieder aufflackernde Lust Bonner Amtsverwalter an Sicherheitszonen. Der Versuch, den Tiergarten und die Uferwege an der Spree durch Sicherheitsbereiche zu verkleinern, ist im Grunde nichts anderes als der Kampf der Provinz gegen die Großstadt. Aber wenn Berlin als Hauptstadt überhaupt etwas zu bieten hat, dann sind es nicht Visionen, sondern es ist die Großstadt selbst.

Woher kommt denn das trübe Reizklima im heutigen Deutschland? Es ist der provinzielle Geist, der sich vereint hat; es ist seine Unfähigkeit, mit Widersprüchen, anderen Lebensstilen und Verlust an Sicherheiten fertig zu werden. Nichts wäre törichter, wenn die Hauptstadt versuchen würde, die sommerlichen Massen im Tiergarten unter Kontrolle zu bringen, und vereint mit Sicherheitsexperten gar grillfreie Zonen schaffen würde. Saubere grüne Lungen gibt es überall in der deutschen Provinz. Wen die Grillschwaden im Tiergarten husten lassen, sollte daran denken, daß die großstädtische Freiheit im Zweifel der Ökologie widerspricht.