Von Rudolf Walter Leonhardt

Kein anderer war wie er geboren zum englischen Gentleman. Diese Persönlichkeit war ja von seinem Urgroßvater Dr. Arnold an der Public School von Rugby wenn nicht geradezu erfunden, so doch zum ersten Male mit feststehenden Eigenschaften ausgestattet und danach erzogen worden. Sein Großvater Thomas Henry Huxley zählte, wie später sein Bruder Julian, zu den bekanntesten Biologen des Landes. Sein Großonkel war der berühmte Dichter und Kritiker Matthew Arnold. So jemand geht dann natürlich nach Eton und Oxford, Balliol College. Und so jemand wird, obwohl dort zunächst nur Zivildienstleistender, von Lady Ottoline auf dem Landgut der Morells in Garsington bei Oxford in den Kreis der illustren Gesellschaft eingeführt: Virginia Woolf, Katherine Mansfield, D.H. Lawrence, Lytton Strachey, John Middleton Murry, T.S. Eliot, Bertrand Russell, Robert Graves, John Maynard Keynes, Premierminister Asquith.

Juliette Baillot, die künftige Frau seines Bruders, beschrieb den jungen Aldous Huxley so: "Er schien mit seinen hundertachtundachtzig Zentimetern sogar noch größer zu sein, weil er sehr schlank war und sich ein wenig vorgeneigt hielt. Sein offenes Gesicht unter dem dichten braunen Haar war blaß, mit vollen Lippen und blauen Augen, die nach innen zu blicken schienen, bis man begriff, daß er auf einem Auge völlig blind war und mit dem anderen nur mangelhaft sah." Der junge Mann, den dieses Augenleiden seit seinem siebzehnten Lebensjahr quälte, hatte noch unter zwei anderen Handicaps zu leiden: Im Alter von vierzehn verlor er seine geliebte Mutter, und als er zwanzig war, wurde sein Bruder Trev erhängt im Walde gefunden. Man kann nachfühlen, daß so jemand sagt, was ihn mehr als alles andere interessiere, sei, die Welt zu verstehen in all ihren Zusammenhängen.

Zunächst liebte er Mädchen und schrieb Gedichte, die zwar veröffentlicht, aber nicht viel gelesen wurden. Die Familie hatte ihm das Studium bezahlt, aber damit hatte es sich dann auch. Die auf Gut Garsington gewonnenen Beziehungen halfen ihm, sein Leben zu stabilisieren. Murry stellte ihn bei seiner Zeitschrift The Athenaeum ein. Das ermutigte ihn, 1919, mit 25 Jahren, die wunderschöne, vier Jahre jüngere Belgierin Maria Nys zu heiraten, die er auch aus Garsington kannte und ohne deren Hilfe als Geliebte, Sekretärin, Gastgeberin, Chauffeurin, Reisebegleiterin und Pflegerin er nicht über die Runden gekommen wäre.

Zwei Jahre später erschien sein erster Roman, "Crome Yellow"; der deutsche Titel ist deutlicher: "Eine Gesellschaft auf dem Lande". Entsetzt fanden sich viele Angehörige des Garsingtoner Kreises darin wieder, nur mühsam; kaschiert. Es lag Huxley fern, all das, was er Garsington zu verdanken hatte, mit Undank zu vergelten. Aber er war zwar hoch gebildet und schrieb ein brillantes, pointenreiches Englisch, das begeisterte Leser fand; es war ihm jedoch nicht gegeben, Figuren zu erfinden und plastisch darzustellen. In all seinen Romanen wird mehr geredet als gehandelt. Hemingways Urteil ist hart, aber nicht falsch: "Wenn ein Autor sein intellektuelles Gegrübel, statt es in preiswerten Essays abzusetzen, künstlich konstruierten Charakteren, die sich als Romanfiguren besser verkaufen, in den Mund legt, dann ist das vielleicht wirtschaftlich sinnvoll, aber noch lange keine Literatur."

Nach dem gleichen Muster, das man "Konversations-Roman" nennen könnte, sind seine nächsten Romane gestrickt: "Antic Hay" 1923 ("Narrenreigen"), "Those Barren Leaves" 1925 ("Parallelen der Liebe") und "Point Counter Point" 1928 ("Kontrapunkt des Lebens"). Sein Freund D.H. Lawrence verzweifelte an Huxleys intellektuellen Pappkameraden, die immer nur Weisheiten von sich gaben, aber nie zum Leben kamen. An ihn ist gerichtet, was Philip Quarles (die Figur, die Sprachrohr des Autors ist) in "Kontrapunkt des Lebens" bemerkt: "Aber ich habe auch niemals vorgegeben, ein geborener Romancier zu sein."

Dabei waren diese frühen Romane nie uninteressant und auch recht erfolgreich. Im England der zwanziger und dreißiger Jahre gehörte es in der besseren Gesellschaft zum guten Ton, Huxley gelesen zu haben. 1932 folgte der Roman, der seinen Ruhm weit über England hinaustrug, der noch heute gelesen wird und dessen Titel zum Zitat geworden ist: "Brave New World". Das Zitat leitet sich eindeutig von Huxley her, obwohl der ja seinerseits, wie so oft in seinen Titeln, Shakespeare zitiert (hier: Miranda in "Der Sturm"). Auch das macht die Übersetzung schwierig. Beim ersten deutschen Versuch hieß der Roman "Wohin?", beim zweiten "Wackre neue Welt"; inzwischen hat man sich auf "Schöne neue Welt" geeinigt. Auch das ist problematisch. Es sei natürlich satirisch gemeint? Bei Shakespeare gewiß nicht. Bei Huxley? Um das zu entscheiden, muß man den ganzen Huxley gelesen haben, vor allem auch die Essays. Denn Huxley ist ja, wie Hemingway richtig beobachtet hat, an erster Stelle Essayist. Nur so hatten seine angeborene Gescheitheit und seine erworbene Bildung, beide das Normalmaß weit überschreitend, einen ausreichend großen Spielraum. Neben zwölf Romanen hat er das Vierfache in essayistischer Prosa geschrieben. Es ist dem Herausgeber Werner von Koppenfels und seinem Verlag zu danken, daß sie auch dem deutschen Leser jetzt, zu Huxleys hundertstem Geburtstag am 26. Juli, einen wichtigen Teil des essayistischen Werkes zugänglich gemacht haben. Sieben Achtel der drei Bände gab es bisher nicht auf deutsch.