Wenn Sie es auch eher härter lieben und selbst die schärfsten Sachen nicht verschmähen, dann packen Sie die Gelegenheit am Hals, aber nicht zu fest, denn die Stacheln sind spitz. Nicht zärtlich nuckeln, sondern kippen: Jeder Schluck trifft den Gaumen wie ein Peitschenhieb. In der Einkleidung der Sierra-Flasche kündigt sich unmißverständlich an, welche Sorte von Genuß Tequila verspricht. Endlich eine Werbung, die nichts beschönigt. Sexy, ohne in Sexismusverdacht zu geraten. Denn weder die Flasche noch ihr Outfit verraten ein Geschlecht. An dessen Stelle kreuzen einander die Riemen zum X.

Genau an diesem fraglichen Ort X sitzt ein kleiner Mann in der Wüste, selbstverständlich mit Hut, zupft die Gitarre und lehnt sich dabei ganz gemütlich an einen Stachelkaktus. In Mexiko betreibt man Sadomaso offenbar noch ganz naturnah. Somit ist die Verbindung von Genuß und Schmerz schon auf der Etikette hergestellt. Das Leder-Nieten-Outfit überträgt diesen Bio-Bizarr-Sex bloß in eine hierorts aktuelle Bildsprache. Wer zuwenig Mut oder Geld hat, sich im nächsten Sexshop ein passendes modisches Kleidungsstück für den nächsten Disco-Besuch zu kaufen, greift nun zur Tequilaflasche – nicht etwa, um sich zu trösten, im Gegenteil: um auch ein wenig abzukriegen von der neuen Lust am Schmerz.

Keine Talk-Show ohne Domina, keine Illustrierte ohne Report aus der strengen Kammer, keine Boutique ohne Nietenhalsband im Sortiment: Sadomasochismus ist Trend. Am meisten geschockt davon sind nicht etwa die aus Tradition mit Bußtechnologie vertrauten Pfarrer, sondern der harte Kern der „echt Veranlagten“. So beschwerte sich jüngst eine „Maso-Frau“ per Leserbrief in einem einschlägigen Szenemagazin, der ganze öffentliche Rummel um S/M zerstöre die verruchte Abgründigkeit, tauche die geheimnisvolle schwarze Welt in grelles Licht. Grenzüberschreitung, alltäglich geworden, sei keine mehr. Die Gesellschaft habe es mit dem Propagieren des Perversen geschafft, auch noch den entlegensten Winkel der archaischen Lüste dem Verwertungszusammenhang einzugliedern und so des subversiven Aromas zu berauben. Mit seiner Konsensfähigkeit verliere Sadomaso seine Pointe. Sie habe schon auf Feten Ledertypen kennengelernt, wo sich zu Hause dann herausgestellt habe, daß die nicht einmal wüßten, wie man eine Peitsche richtig hielte...

Die Sadomaso-Mode ist der subkulturelle Einspruch gegen eine Gesellschaft, die Sexualität nach dem Konsum-Modell wechselseitige Dienstleistungen zur Partnermassage verharmlost. Der im Dienst der Frauenemanzipation von seiner Gewaltdimension bereinigte Eros erhält heute dort seine aggressiven Elemente zurück, wo er sich von der biologischen Geschlechtszugehörigkeit abgelöst hat. Die Figur der „Herrin“ erscheint als emanzipatorisch unbedenklich und legt damit klar, daß auch die Rolle der „Sklavin“ nichts mehr mit naturgegebenem Frausein zu tun hat.

Das nach außen gekehrte Stachelhalsband taugt weder zum Instrument masochistischer Fesselung noch zum Werkzeug des Sadisten, sondern ist ein funktionsloses Zeichen jener Ambivalenz, die das Wesen eines jeden Genusses ausmacht: Niemand kann von sich behaupten, die erste Zigarette, der erste Tequila, der erste Peitschenhieb seien ein reines Vergnügen gewesen. Ja! Ja! Nein, ja! Zum Unterschied von Glück, Lust und Angenehmheit ist Genuß stets in sich gebrochen, von einer Schwelle durchzogen und mit einer Spur der Bitternis vermengt. Genuß ist Lust im Bewußtsein des Todes. Der brennende Nachgeschmack des Tequila ist ein Vorgeschmack der Hölle.

Peitsche und Riemenzeug sind als Mittel der Disziplin abgebildet, um ihr Gegenteil zu beschwören: die Idee des natürlichen, authentischen, ungezähmten Lustkörpers des guten Wilden. Als außereuropäisches Getränk steht Tequila für eine nicht verfeinerte Kultur. Der Mexikaner repräsentiert jenes undisziplinierte Menschsein, nach dem der hochzivilisierte „Kolonialherr“ sich heimlich zurücksehnt. Das undressierte Menschenkind wäre der ideale Tequilakonsument. Daher sind die Klebestreifen auf dem Bild nicht nur Wundpflaster für Angestachelte und Aufgepeitschte, sondern auch Layoutzeichen, die den Wunsch nach dem Genuß des Primitiven markieren. Vom Mythos der Ungezähmtheit erhält der derbe Tequilageschmack seine kulturelle Bedeutung.

Mit dem zwanzigsten Hieb verabschiedet sich Dr. Pauser von der Werbekundschaft. Von der nächsten Woche an blättert Philipp Maußhardt in seinem Entsorgungstagebuch.