Ich sitze, mich umkreist die Zeit“ – mein kaum frisiertes „Faust“-Zitat für Helmut Kohl. Sitzen ist Seine Stärke; den Gebildeten unter Seinen Verächtern ist der Spott darüber vergangen. Alle redeten von ihrer Basis, Er hatte sie, Ihm wuchs sie sozusagen am Leibe nach. Auch wenn Er von etwas ausging, bewegte Er sich nur wenig. Ab und zu schien Er zu bröckeln, aber es waren nur die Krisen, die an Ihm abliefen. So wuchs Er immer, wie ein Zahn aus dem Fleisch.

Ja, so wurde die Provinzgröße zum Monument. Nur, wofür stand – saß – Er denn? Seiner Sprache war es kaum zu entnehmen, diesem so überaus nachahmlichen Mix von Nuscheln und Brustton; dem vollen Mund bei steifer Lippe. Aber hat, wer leibhaft zur Legende wird, noch eine kopfgeschaffene nötig? Seine Vorgänger erschöpften sich darin, Geschichte zu machen; Er konnte es abwarten, Geschichte zu werden. Nie sah Er aus wie einer, der Geheimnisse hütet. Eher hüteten sich die Geheimnisse vor Ihm. Nichts Geringes in diesem Seinem Lande. Die deutschen Vordergründe so flächendeckend einzunehmen.

Besteht Er aus Urgestein? Oder ist Er ein Haufen reinstes Gemüt, mit Teflon beschichtet? Auch in Fett und Filz hätte ein Joseph Beuys viel Lebensrettendes gesehen. Kohl sitzt, und Ihn umkreist die Zeit mit allen Zeichen frommer Scheu. Das letzte Witzlein ist ermüdet an Seinem unerschütterlichen Daseinsbeweis. Deutsch, das muß er sein. Aber was ist deutsch?

Eine Sache um ihrer selbst willen tun, lasen wir bei Richard Wagner. Bisher war das ja zum Fürchten. Wie kommt’s nur, daß wir das Fürchten vor Kohl fast verlernt haben? Auch Er spricht ja doch nur zur Sache, und die Sache ist Er. Und wir meinten in diesen Jahren so viel größere Sachen zu kennen. Ach, wir haben uns, unterm Strich, in Ihm viel weniger getäuscht als in uns.

Denn: was halfen uns Politiker, an die wir glaubten? Die unsere Unruhe aufnahmen, sich von ihr tragen ließen, mit ihr abstürzten? So vermehrt man sie doch nur, die Unruhe; das wußte Er. Sein Instinkt sagte Ihm gleich, wo Er es mit Leuten zu tun hatte, die ihrer Bewegung selbst nicht ganz trauten. Wissen Sie! sagte Er dann, und gerechte Empörung knarrte aus Ihm. Wer’s nicht wissen wollte, mußte es leider erfahren. Er hätte es uns gerne erspart. Einem Volk, das so viel leistet, gönnte Er gern immer auch seine Bequemlichkeit. Die Gnade der späten Geburt, die blühenden Landschaften. Kein Grab, über das Er nicht einem Freund die Hand gereicht hätte. Alles teilt Er mit seinen Deutschen, nur ihre Unruhe nicht. Das dankten Ihm auch die Störrischen. Wir nicht. Das machte Ihn so groß, by default, wie Seine englischen Freunde sagen würden. Oder die amerikanischen. Der Fehler war auf unserer Seite. Er hat ihn schon verziehen, Er ist unser Freund. Er macht ihn nur nicht mit.

Probleme? Als Staatsmann weiß man doch: die erledigen sich nur, indem man größere kriegt. Da kommt es nur darauf an, wie das kleinere Übel auszusehen. Als Monument des kleineren Übels wird man zur historischen Größe. Nur sitzen bleiben muß man, dann umkreist einen die Zeit.

Das war bei Ulbricht noch ein Witz: daß man überholen könne (den Westen), ohne einzuholen. Bei Kohl haben wir so etwas erlebt. Hundertmal am Tag haben wir ihn überholt, mit ärgerlichem Lachen. Eingeholt haben wir ihn nie. Es hat ihm nie etwas ausgemacht, über unsere Versionen so erhaben zu sein wie über unsere Aversionen. Was hinten herauskam, war immer Er.