Es waren keine guten Tage in der ersten Augustwoche 1944 für den Reichsführer SS, Heinrich Himmler: In Warschau hatte sich die polnische Heimatarmee (AK = Armia Krajowa), die der polnischen Exilregierung in London unterstand, gegen die deutsche Wehrmacht erhoben. Himmler zeigte sich ungewohnt böse und gereizt. Die Erhebung in Warschau hatte allen deutlich vor Augen geführt, daß sein Terrorregime im „Generalgouvernement“ gescheitert war. Noch gefährlicher wurden jedoch für ihn einige bereits in deutscher Gefangenschaft befindliche hohe Offiziere der AK. Mit ihnen hatten Polenexperten des Reichssicherheitshauptamtes seit Herbst 1943 mit Duldung Himmlers intensiv über einen gemeinsamen antibolschewistischen Kampf verhandelt. Diese Gespräche konnten nun den Reichsführer kompromittieren, vielleicht sogar in den Verdacht des Hochverrats bringen, hatte doch Hitler unmißverständlich jegliche Verbindungen dieser Art untersagt.

Himmler trat die Flucht nach vorn an: Außerhalb des normalen Dienstweges befahl er den Kommandanten der Konzentrationslager, die Gesprächspartner sofort erschießen zu lassen. Zu den Opfern zählte auch der 1943 festgenommene legendäre Chef der AK, Stefan „Grot“ Rowecki, der in der Nacht zum 2. August 1944 im KZ Sachsenhausen ermordet wurde.

Nun galt es, vor Hitler das Desaster deutscher Unterdrückungspolitik in einen völkisch-biologischen Sieg umzudeuten. Der Zeitpunkt des Aufstandes sei zwar unsympathisch, so rechtfertigte sich Himmler, geschichtlich gesehen jedoch ein Segen. Über die fünf, sechs Wochen des Kampfes komme man hinweg. „Dann aber ist Warschau, die Hauptstadt, der Kopf, die Intelligenz dieses ehemaligen 16-/17-Millionen-Volkes der Polen, ausgelöscht, dieses Volkes, das uns seit 700 Jahren den Osten blockiert und uns seit der ersten Schlacht bei Tannenberg immer wieder im Wege liegt.“ Hitler machte sich diese Sichtweise zu eigen. Für Himmler bedeutete es die vorläufige Rettung, für Warschau die Vernichtung.

Der Warschauer Aufstand leitete eine der längsten und mörderischsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges ein. Er dauerte 63 Tage, dreimal länger als der Polenfeldzug 1939. Fünfzigtausend mehr oder weniger schlecht bewaffnete Untergrundkämpfer waren unter General Tadeusz Komorowski (Deckname „Bor“ = tiefer Wald) angetreten, um den verhaßten deutschen Besatzer zu schlagen, die Hauptstadt des Landes zu erobern und als rechtmäßige politische Vertretung des Landes die anrückende Rote Armee zu begrüßen.

Als die Aufständischen, von ihren westlichen Alliierten hintergangen, von den Sowjets im Stich gelassen, am 2. Oktober 1944 aus Mangel an Nachschub, Waffen und Munition kapitulieren mußten, war Warschau nur noch ein ausgebranntes Ruinenmeer: 16 000 Aufständische waren gefallen, über 150 000 Zivilisten von SS- und Polizeieinheiten ermordet, im Hagel von Granaten und Bomben zerrissen, von Flammenwerfern verbrannt worden.

Weitere 150 000 Überlebende wurden aus der Stadt evakuiert; soweit sie nicht flohen, kamen sie in Auffanglager, später zum Arbeitseinsatz ins Reichsgebiet. Danach entledigte man das menschenleere Trümmerfeld aller noch verbliebenen Wertgegenstände – die größte Einzelplünderung des gesamten Krieges. Höchstwahrscheinlich auf „Führerbefehl“ wurden dann die unversehrt gebliebenen Gebäude und die ausgebrannten Häuserfassaden von Technischer Nothilfe und SS-Pionieren gesprengt. Warschau war, wie sich ein Polizeioffizier erinnerte, „glattrasiert“. Keiner Stadt seit Karthago ist eine Zerstörung in solchem Ausmaß widerfahren. Wie kam es zu dieser Tragödie?

Seit der deutschen Niederlage bei Stalingrad hatte die Heimatarmee die Vorbereitungen für einen Aufstand vorangetrieben, Waffenlager angelegt, kleinere Widerstandsgruppen eingereiht und deren Mitglieder militärisch geschult. Allerdings hatte General Sikorski, Regierungschef im Exil, einzelne Aktionen untersagt, um die Kräfte für die Stunde „W“ (Wolnosc = Freiheit) zu sammeln und die Bevölkerung keinen Repressalien auszusetzen. Das brachte der Exilregierung den Vorwurf Moskaus ein, die Widerstandsbewegung stehe „Gewehr bei Fuß“ und begehe Verrat am Bündnis.