Jurij Iwanow, der Vorkämpfer für die Wiederentdeckung der Geschichte Ostpreußens, ist in der vorigen Woche unerwartet in Königsberg/Kaliningrad gestorben. Seit 1987 die Kaliningrader Sektion des Sowjetischen Kulturfonds gegründet wurde, ist Iwanow ihr Chef gewesen. Zusammen mit Victor Denissow, dem früheren Vorsitzenden des Stadtsowjets, hat er mit viel Courage und einiger List dafür gesorgt, daß der Befehl, alles zu vernichten, was an die deutsche Vergangenheit erinnert, in vielen Fällen nicht ausgeführt wurde. Ohne die beiden wäre sicherlich auch die Ruine des Doms gesprengt worden.

Es war ein weiter Weg, bis Iwanow zu solcher Geisteshaltung fand. In Leningrad geboren, ist er während der Belagerung – die eine Million Menschen das Leben kostete – zwischen Leichenbergen aufgewachsen. 1944, er war sechzehn, meldete er sich zur Armee, um seinen Haß gegen die Deutschen ausleben zu können. Er wurde aber nur ins Musikcorps eingereiht und mußte wieder Leichen bestatten.

Im April, zwei Tage nach der deutschen Kapitulation, betrat er das zerstörte Königsberg – wieder Hunger und wieder Leichen. Mit seinen siebzehn Jahren wurde er noch einmal in die Schule gesteckt, in die Burgschule in der Lehndorff-Straße. Den Eingang der Schule zierten vier Büsten. Eines Tages befahl ein russischer Oberst, diesen die Köpfe abzuschlagen – auch Jurij Iwanow war mit Freude dabei. Erst später erfuhr er zu seinem Kummer, daß es sich da um große Geister gehandelt hatte: Kopernikus, Herder, Kant und Corinth. Und sehr viel später sagte er einmal zu mir: "Kant gehört nicht euch, Kant gehört auch nicht uns, Kant gehört der Menschheit."

Bis er zu dieser Einsicht kam, ist Jurij Iwanow viele Jahre zur See gefahren, wurde Schriftsteller und kehrte dann zurück nach Königsberg, das ihm zur Heimat geworden war. Sein erstes Buch, "Von Königsberg nach Kaliningrad", ist mit viel Liebe, Phantasie und Idealismus geschrieben. Jeder, der sich darüber freut, daß in Königsberg die Luisen-Kirche und der Dohna-Turm noch stehen und daß der eingeebnete deutsche Friedhof ein Denkmal erhalten hat, der sollte mit Dankbarkeit an Jurij Iwanow denken.

Marion Gräfin Dönhoff