Von Kyrill Beljaninow

Er habe da noch etwas, das niemand kaufen wolle, sagt Nikolaj, als er die verrostete Tür der alten Garage aufreißt. „Zu heiße Sache, zu unbequem. Wir sind schon sechs Monate darauf sitzengeblieben.“ In einer Ecke, hinter Gerümpel und leeren Benzinkanistern, steht ein weißer, nach oben spitz zulaufender Kegel. „Ein Atomsprengkopf, sagt Nikolaj, „SS-20, mit allen Schikanen.“ Er streicht fast liebevoll über die aufgedruckten militärischen Markierungen. „70 000 Dollar, und ihr könnt ihn sofort abholen.“

Wir machen ein paar Polaroidaufnahmen von Nikolajs Sprengkopf und sagen ihm, daß sich unsere „Moskauer Leute“ natürlich erst einmal Gewißheit verschaffen müßten. Nikolaj nickt. Allerdings brauche er binnen drei Tagen einen verbindlichen Bescheid.

Der Sprengkopf der SS-20 hat zweifelsfrei eine echte Hülle. Aber sein Inhalt könnte schon längst zur Wartung herausgenommen und durch technische Makulatur ersetzt worden sein. „Wenn ihr diesen nehmt“, sagt Nikolaj und kickt mit dem Fuß leicht gegen den Kegel, „dann bringen wir einen neuen rüber. Er steht zur Zeit noch in der Ukraine.“

Nikolaj war einer von vielen Atommaklern, auf die wir unter größten Vorsichtsmaßnahmen gestoßen waren. Schon sechs Monate hatte ich bis dahin mit meinen beiden Journalisten-Kollegen Wladimir und Dmitrij über den Schwarzmarkt für nukleares Material recherchiert. Wir gaben uns als Broker aus, natürlich unter falschen Namen. Nach einer gewissen Anlaufzeit, als uns schon alles vergeblich erschienen war, haben wir fast täglich mit Dealern telephoniert, Versprechungen angehört, gewartet, Proben erhalten, Labors aufgesucht, Proben abgegeben, gewartet, Proben abgeholt und immer neue, glaubwürdige Lügen für die dubiosen Mittelsmänner erfinden müssen. Wir waren uns jederzeit bewußt, was uns geblüht hätte, wenn einer von ihnen unsere wahre Identität entdeckt hätte.

Vor einem Jahr hatten wir einen Termin in einem Wohnhaus im Moskauer Zentrum. Unseren Mittelsmann trafen wir im ersten Stock. In der Wohnung standen ein paar Bürotische und ein altes Faxgerät. Der Vermittler seufzte, kratzte sich nervös am Hinterkopf und fragte: „Ihr kennt die Bedingungen, nicht wahr?“ Aus einem bescheidenen Eisenschrank holte er einen jener Pappkartons, in denen man in Rußland Torten verkauft. In der Schachtel lag eine Bleiröhre mit kleinem Loch im Deckel. Als er die Röhre aus der Schachtel nahm, rieselten kleine, schmutzigweiße Flocken auf den Tisch. Die beiden Leibwächter des „Maklers“ sprangen erschrocken zurück. „Keine Bange“, sagte der Boß. „Wir haben da etwas Waschpulver hineingeschüttet, damit die Probe nicht gleich aus dem Behälter herausrollen kann.“

Das Strahlungsgerät gab einen schrillen Ton von sich. „Plutonium 239, genau das, was ihr bestellt habt“, nickte der Mittelsmann. „Die Bedingungen sind wie üblich: Ihr könnt das Muster für genau 24 Stunden mitnehmen. Morgen müßt ihr uns sagen, ob ihr die ganze Ladung wollt. Dann können wir über die Liefermethode sprechen.“ Mit diesen Worten drückte er mir die Tortenschachtel in die Hand.