Der septische Schock ist ein medizinischer Alptraum: Ärzte müssen tatenlos zusehen, wie das Immunsystem eines Patienten außer Kontrolle gerät und in einem Amoklauf sondergleichen den Organismus zerstört. Siebzigtausend Opfer fordert der septische Schock jedes Jahr allein in Deutschland. Medikamente gibt es keine. In der vergangenen Woche berichteten wir von einem Zellkulturverfahren, mit dem sich potentielle Wirkstoffe auf humanere Art als bisher testen lassen (ZEIT, Nr. 30/94, S. 26).

Diese Woche beschreiben amerikanische Wissenschaftler in der neuesten Ausgabe des britischen Wissenschaftsmagazins Nature (Band 370, S. 218) eine Substanz, die in die fatale Alarmreaktion des Immunsystems eingreift und deshalb eines Tages als Medikament gegen den Schock dienen könnte. In den Versuchen wurde Mäusen erst ein Bakterienmolekül gespritzt, das die tödliche Immunreaktion auslöst. Mit dem Wirkstoff überlebten dann fast alle Tiere, ohne ihn kaum welche.

„Compound 2“, so nennen die Forscher ihre Substanz, würgt die Immunkaskade nicht völlig ab, sondern verhindert lediglich, daß sie sich in so verheerender Weise entwickelt. Das Mittel hemmt ein Enzym, das einen für den Schock mitverantwortlichen Immunbotenstoff (den Tumornekrosefaktor) ins Blut freisetzt – nur ein Sechstel der üblichen Menge an Botenstoff gelangt in den Kreislauf, obwohl gleich viel Botenstoff produziert wird. Andere Funktionen des Immunsystems bleiben unbeeinflußt. ChW