Von Ludger Lütkehaus

Im achtzigsten Jahre, kurz vor seinem Erlöschen, hatte der Buddha noch einmal eine beunruhigende Vision. Wie in jener großen Stunde, da sich ihm der Zusammenhang allen Leidens und der Weg zur Befreiung enthüllt hatte, saß er unter dem Bodhi-Baum der Erkenntnis, die Beine ineinandergeschlagen, die Hände ineinandergelegt. Doch diesmal wurde ihm nicht die innere Ruhe zuteil. Vor seinem geistigen Auge sah er eine große Zahl weißer Menschen auf sich zukommen, gekleidet wie er und seine Jünger. Sie trugen große Leuchten, die heller als Kerzen brannten, und schoben auf einem auf Rädern rollenden Gerüst einen Gegenstand, der wie ein großes schwarzes, gläsernes Auge aussah.

Sie falteten die Hände vor der Brust und warfen sich vor ihm nieder. Dann streuten sie ihm Blumen und entzündeten Räucherstäbchen, hatten aber auch Weihrauch und Myrrhe dabei, die wohlriechende Düfte verbreiteten. Nach einer Weile räusperte sich einer von ihnen, wohl ihr Anführer, und begann dem vollständig Erwachten, der zu schlafen schien, einige Fragen zu stellen. „Wer bin ich?“ wollte er wissen. „Wer war ich vor meiner Geburt? Wer werde ich nach meinem Tode sein?“ Wie hätte der Buddha dem Fragenden sagen können, daß da kein Ich, sondern nur der Zusammenhang allen Leidens und der Weg aus dem Leiden war?

Ratlosigkeit und Ungeduld machten sich breit, als der vollständig Erwachte auch jetzt noch die Augen geschlossen hielt. Ja selbst der Buddha spürte einen Augenblick Ungeduld in sich. Sein guter Freund Mara, der Gegenspieler, der Versucher, hatte augenscheinlich die Gestalt des weißen Mannes angenommen. Wie befreiend wäre es, die Störenfriede aus der Stille des Bodhi-Haines einfach zu vertreiben.

Doch der Buddha blieb bei sich und schwieg. Nicht so die erzürnten Ankömmlinge. Ihr Anführer rief ihnen zu: „Kommt, laßt uns einen anderen, den wirklichen Buddha suchen, nicht diesen blinden Schweiger; den Buddha, den wir anbeten können; der uns zeigt, wer wir sein werden und wer er selber sein wird, wenn sein Leib nicht mehr ist.“

Sie kehrten dorthin zurück, von wo sie aufgebrochen waren – und fanden tatsächlich einen Buddha nach ihrem Geschmack. Mit dem Buddha unter dem Bodhi-Baum hatte er wenig Ähnlichkeit. Er war ein Kind, ein Buddha-Kind. Daß Götter und Erlöser Kinder waren, war ihnen vertraut. Angenehm war ihnen die Ungewißheit, was in einem Kind alles stecken mochte, wer alles im ewigen Leben der Kinder wiederkehrte: War es eine hochgestellte Person, ein Imma, ein Abt, am Ende gar ein Buddha höchstpersönlich? Beim Buddha-Kind allerdings waren sie sich ganz sicher, wer er war. So konnte der alte, von ihnen verlassene Buddha unter dem Bodhi-Baum für sich bleiben.

Die Schreckensvision des Buddha unter dem Bodhi-Baum hat einen Namen: „Little Buddha“, ein Film von Bernardo Bertolucci. Dieser Film ist in höchstem Maße symptomatisch für die Verhunzung, die dem Buddhismus derzeit im esoterisch spiritualisierten Westen widerfährt: ein ästhetisierter und mystifizierter Buddhismus aus der Meditationsboutique, Ausdruck einer Zivilisation, die auf der Suche nach etwas anderem zu sein behauptet, aber immer nur sich selber wiederfinden will. „Schöner meditieren“, lautet das Designerlogo dieses Konsum-Buddhismus. Und damit wir auch hier gleich die vertrauten inflationären Verhältnisse haben, wird Bertoluccis „Little Buddha“ unverzüglich überboten von Kubys „Living Buddha“. Siebzehnmal hat der das Überleben schon geschafft. Wenn das nichts ist.