Von Gernot Kramper

Ein weißer Bretterzaun umschließt die Wagenburg um das kleine Zirkuszelt vor dem Bremer Weserstadion. Einige Jugendliche rammen mit einem riesigen Vorschlaghammer die letzten Anker für das Zelt in den staubigen Schotterplatz. Ein paar Männer in Unterhemden auf einer schattigen Parkbank an der gegenüberliegenden Allee prosten ihnen mit Bierdosen zu. Zerbrochenes Werkzeug liegt herum. Stellenweise ist der betonharte Boden nur mit dem Preßlufthammer zu knacken. Dann ist es geschafft. "Circus Mignon" ist für die erste Vorstellung der Tour gerüstet.

Circus Mignon ist ein Jugend-Zirkus aus Hamburg. Mit fast siebzig Kindern und Jugendlichen und allem, was zu einem Zirkus dazugehört – Zelt, Zugmaschinen. Zirkuswagen – ‚ geht er alljährlich in den großen Sommerferien auf Tournee durch Norddeutschland. Letzte Station in diesem Jahr ist (am 28. und 29. Juli) Stade. Später im Herbst kann man ihn dann beim internationalen Kinder-Zirkusfestival in Köln besuchen.

Circus Mignon ist kein gewöhnlicher Jugend-Zirkus. Einige der Artisten und Techniker sind körperlich und geistig behindert. "Seelenpflegebedürftig", sagen die Mitarbeiter des anthroposophischen Therapiezentrums "Haus Mignon" in Hamburg-Nienstedten, die das Zirkusprojekt leiten. Vor drei Jahren wollten sie mit zirzensischen Künsten, mit Jonglieren, Akrobatik und Seiltanzen Bewegungsstörungen behandeln. Ganz überraschend kamen immer mehr gesunde Kinder dazu. Als dann noch ein Zelt günstig zu haben war, war Circus Mignon geboren.

In Hamburg ist jede Vorstellung ausverkauft. Auch an diesem staubig-heißen Nachmittag in Bremen wurden immerhin 150 Billetts verlangt. Erwartungsvolle Stille senkt sich über die Manege, Musik setzt ein. Dann führen vier unheimliche Fabelwesen den Wundervogel Aurox an den staunenden Kinderaugen vorbei. Aurox ist das verwandelte Mädchen Peppina. Mit ihren Kunststücken wollen die Artisten die Fabelwesen goldnen und Peppina aus ihrer Gewalt befreien. Die Anspielung auf das Schicksal Behinderter begreifen die kleinsten Zuschauer nicht auf Anhieb. Einradfahrer, Jongleure und Zauberer vertreiben die gruselige Stimmung.

Nach den Artisten hat der siebzehnjährige Jens seinen Auftritt. Jens lebt im Rollstuhl. Wenn er als zorniger behinderter alter Mann ins Zelt platzt, kennt er keine Hemmungen mehr. "Schwester, nun schieben Sie doch schon!" brüllt er ein zierliches Mädchen in Schwesterntracht an, das sich müht, den sperrigen Rollstuhl durch den engen Eingang zu bugsieren. "Nun machen Sie mal Platz, Sie Regel, das hier ist eine integrative Veranstaltung." Rüde stößt er einen Vater, der nicht rasch genug weicht, mit dem Krückstock zur Seite. Jedes Mal dauert es ein paar Sekunden, bis die Erwachsenen merken, daß es sich um eine Inszenierung handelt. Unter ihrem erleichterten Gelächter kann die Nummer dann weitergehen.

Jens’ Auftritt ist der augenfälligste Beitrag zum Thema "Behinderung". Denn im Zirkus sollen keine Defizite zur Schau gestellt werden. "Wir wollen hier nichts kaschieren. Aber wenn der Gesamteindruck in der Manege stimmt, sehen die Zuschauer keine Unterschiede mehr", sagt "Zirkusdirektor" Martin Kliewer, ein Heilpädagoge. Die Fähigkeiten in jedem Kind sollen zum Ausdruck kommen.