Von Martin Ahrends

Ferienlager" – welchen Klang hat das Wort, wenn man es nicht kennt, wenn man so etwas nicht erlebt hat? Ich nehme an, es klingt vor allem nach "Lager", nach Trillerpfeife und Fahnenappell, nach Gemeinschaftswaschräumen und Frühsport. Ich war als Kind und später als Gruppenhelfer und Rettungsschwimmer in DDR-Ferienlagern; mir klingt das Wort zuallererst nach "Ferien".

Morgens geweckt werden zum Frühsport, zu dem die verschlafenen Helfer auch keine Lust haben, Bettenmachen, den Zeitvorgaben mit Muscheln und Kienäpfeln zieren für den Pionierwettbewerb ... Und bei all dem Firlefanz mit "Lagerratsvorsitzendem", "Zeltabnahme" und "Genosse Lagerleiter, ich melde..." hatte man den Kopf und die Seele jeden Morgen voll großer Aussichten auf einen langen Tag, an dem alles, wirklich alles geschehen kann: Man kann das Federballturnier gewinnen. Man kann eine lange Wanderung durchstehen und einem Schwachmatikus voller Edelmut den letzten Schluck Lagertee anbieten.

Natürlich war es öde, immer in der Gruppe mitzutrotteln. Aber wenn man dann angekommen war, am See, beim Geländespiel, an der Feuerstelle, am Sandhang, dann konnte man in aller Ruhe die eigenen Spiele erfinden.

Abends dann Lagerball mit der "Rock-’n’-Roll-Musik" der Beatles zwischen den Puhdys, Frank Schöbel und Karel Gott. Nach zwei Tagen war das Heimweh jedesmal gründlich vergessen.

Und Ausländer! Richtige Franzosen oder Tschechen oder Polen, Ungarn, Schweden machten mit, die es ja sonst kaum gab im Lande. Zu erleben, wie die waren: wie die spielten oder tanzten oder schwammen. Ganz anders, aber man hätte nicht sagen können, wie. Man konnte sich nicht sattsehen an denen, nicht satthören an ihrer Spiache, an den langgezogenen, den gesungenen "ou"-Endungen der Tschechen.

Ferienlager – meine Erinnerungen liegen zwanzig bis dreißig Jahre zurück. In den Achtzigern soll die Angst der vergreisten Mächtigen um "unsere Jugend" weit mehr als zu meiner Zeit auf das Lagerleben durchgeschlagen haben. Das Pionierferienlager in Prebelow wandelte sich zu einer Stätte des Drills: Der tägliche Schliff für die Verteidigung der sozialistischen Errungenschaften stahl den Kindern die besten Stunden des Tages. Vormilitärische Ausbildung, Wehrkunde, Zivilverteidigung: Ich bin ganz froh, daß ich den Krampf nicht so intensiv miterlebt habe wie die späten Kinder der DDR. Uniformen und Marschschritt passen so wenig in die Landschaft des Rheinsberger Seengebiets wie die popligen Baracken, Schaukästen, Fahnenmasten, die noch heute das Bild vom "Kinderland Prebelow" prägen, wie es nun heißt.