FREIBURG. – Die Vorstellung ist in vollem Gange, als plötzlich hinten im Dunkel des Raumes ein heftiger Streit entsteht. Laute Stimmen, aggressives Gebrüll. Die Köpfe der Zuschauer fahren herum. Was ist los? Zwei junge Männer – kurzgeschorener Schädel, Tarnhose und Fliegerstiefel der eine, lange, dunkle Lockenmähne der andere – rempeln einander an. Eine Schlägerei liegt in der Luft. „Hört auf!“ schreit eine Frau. Dann springen die beiden ins Scheinwerferlicht der Bühne. Sie treten, boxen, schlagen aufeinander ein, wälzen sich kämpfend am Boden – doch die Zuschauer atmen hörbar auf. Der Schreck ist überstanden: Der Streit gehört zum Stück, ist Inszenierung. Alles nur Theater.

Alles nur Theater? Reale und inszenierte Gewalt liegen bei diesem Projekt eng beieinander. Denn hier stehen jugendliche Skins, Linke, Asylbewerber und „Neutrale“ gemeinsam auf der Bühne. Es sind Vierzehn- bis Zwanzigjährige, die sich oft nur mit Fäusten, Messern, Gaspistolen begegnen. Und die Leute im Publikum kennen meist nur Schlagzeilen und Fernsehbilder: Skins, die grölend den Arm zum Hitlergruß heben, vermummte Autonome, die Pflastersteine gegen Polizisten schleudern; Rechte und Linke, die sich prügeln, auf Demos und Gegendemos.

Solche Klischees wollten die Sozialpädagogin Margarethe Mehring-Fuchs und der Sozialpädagogikstudent Jochen Gerstner in Frage stellen. So kamen sie auf die Theaterprojekt-Idee – um mit den Masken des Theaters die Alltagsmasken der Jugendlichen aufzulösen. Erste Mitspieler fanden sich in einer Schule. Dort waren Hakenkreuzschmierereien und rechtsradikale Flugblätter aufgetaucht, die Stimmung zwischen linken und rechten Schülern eskalierte. In langen Gesprächen ließen sich die Kontrahenten überreden, beim Projekt mitzumachen. Freunde kamen dazu, später auch Asylbewerber aus dem Kosovo und ein paar Mädchen aus der Waldorfschule. Die Jugendstiftung Baden-Württemberg gab finanzielle Unterstützung.

Schließlich war eine im Sinne des Wortes schlagkräftige Truppe beisammen: „Am Anfang kamen die bewaffnet bis an die Zähne“, erzählt Margarethe Mehring-Fuchs, „die hatten absoluten Schiß voreinander.“ Nadim, der Langlockige aus der gespielten Schlägerei, erinnert sich: „Wir waren immer unheimlich froh, wenn wir wieder draußen waren nach den Treffen. Und jeder blieb schön bei seinem Grüppchen.“ Messer und Gaspistolen wurden in einem Karton am Eingang gesammelt, doch für gemeinsames Theaterspiel fehlte das Vertrauen. „Die Rechten waren für uns anfangs halt Faschos, sonst nichts“, sagt Nadim. „Und die Linken für uns rote Zecken“, ergänzt Marc, Nadims Gegner in der Prügelszene. Aber irgendwie waren sie neugierig, „solche Typen mal kennenzulernen“.

Anfangs knallten sie einander ihre Parolen um die Ohren. Aber bei Themen wie Familie, Liebe, Zukunft – von den Betreuern vorgegeben – „merkten wir, daß wir gemeinsame Probleme haben“, erzählt Marc. Angst vor Arbeitslosigkeit, Zoff mit den Eltern, Liebeskummmer – das kennen sie alle. Und alle sind sie genervt vom „Gelalle“ der Politiker. „Hier kann keiner was mit irgendeiner Partei anfangen“, meint Marc. Irgendwann aber hatten vor allem die Mädchen „keinen Bock mehr aufs Diskutieren“, erinnert sich Kathl. Die Mädchen, die sich als politisch neutral bezeichnen, fanden das Macho-Gehabe der Jungs „ziemlich lächerlich“, auch das Trara der Betreuer darum. Sie wollten endlich Theaterspielen.

Aber den Vorurteilspanzern in den Köpfen entsprechen gepanzerte Körper. Körper, die immer stark sein wollen. Die Angst, sich lächerlich zu machen, war groß. Ingrid Braun-Badie Massud vom Stadttheater, die die Regie übernahm, griff geduldig auf, was in den Köpfen war. „Stellt euch auf die Bühne, singt euer Lieblingslied“, schlug sie vor. Die Skins grölten Songs der Gruppe Störkraft – nicht gerade Lieblingshits der Regisseurin. Aber sie gab Tips für Körperhaltung und Intonation.

Es entstanden erste Ideen für das Stück. Zwei Handlungsebenen bildeten sich heraus: Szenen um die alltäglichen Konflikte der Jugendlichen, assoziativ aneinandergereiht, wechseln ab mit der Geschichte Parzivals, der auszieht, ein Ritter zu werden, und später erkennt, daß es nicht auf den Kampf, sondern auf die Liebe ankommt. Verbindendes Thema: Das Problem der Gewalt.