Journalisten sind wie Vögel, die alle auf einer Telephonleitung sitzen. Wenn einer wegfliegt, folgen ihm alle und setzen sich auf die nächste Leitung." Dieser Ausspruch des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson beschreibt trefflich, wie viele westliche Medien den Krieg auf dem Balkan dargestellt haben. Die Schweizer Weltwoche hatte diese Diskussion bereits vor einigen Monaten geführt. Aus diesem Material und neuen Beiträgen stellte Klaus Bittermann den Sammelband "Serbien muß sterbien" zusammen.

Der Titel gibt den Ton wieder, in dem viele westliche Journalisten schrieben. Diese "Medienkreuzritter", meint Obrad Kesić, hätten sich zu "willigen Soldaten im Propagandakrieg der bosnischen Regierung" gemacht. In den Vereinigten Staaten seien es vor allem Liberale gewesen, die glaubten, sie kämpften gegen einen neuen Holocaust und westliches Appeasement. In Deutschland und Österreich wurde der "serbische Panzerkommunismus" von Journalisten aller politischen Couleur an den Pranger gestellt.

Mira Beham schreibt, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Spiegel seien "mit einer klar umrissenen und scheinbar fundierten Wahrheit nach vorn geprescht, unterstützt durch eine Fernsehberichterstattung, die allein auf Dramatik fokussiert war". Vor allem der FAZ-Herausgeber Johann Georg Reißmüller habe "vorsätzlich die Genese des Konflikts mißachtet": die wirtschaftliche, politische und soziale Krise, in der die Eliten auf allen Seiten zum Machterhalt die kommunistische Ideologie durch Nationalismus ersetzten. Deutsche Journalisten, schreibt Mira Beham, unterstützten einen "menschenverachtenden Nationalismus, um einen anderen menschenverachtenden Nationalismus zu bekämpfen". In der verfrühten deutschen Anerkennung Kroatiens und Sloweniens 1991 hätte diese Berichterstattung verhängnisvolle politische Folgen gehabt. Gewalt im Krieg sei in manchen Fällen erst durch westliche Berichterstattung erzeugt worden, schreibt der ehemalige Sarajevo-Korrespondent der serbischen Oppositionszeitung Borba, Zeljko Vukovic. Falschmeldungen über angebliche Massaker zogen Racheaktionen nach sich: "Vieles ist zuerst in den Medien geschehen und dann in Wirklichkeit." Zeitungsenten gab es reichlich, vor allem, weil sich viele Journalisten immer wieder auf nur eine Quelle verließen. Im Krieg der Medien ein sträfliches Versagen.

Dorothea Razumovsky berichtet von einer Fernsehreportage, die eine serbische Großmutter mit orthodoxem Kreuz weinend beim Begräbnis ihres Enkelkindes zeigte. Der Kommentar: "Ein bosnisches Kind, eine bosnische Frau, ein typisch muslimisches Begräbnis." Obrad Kesić erinnert an einen CNN-Beitrag über "Sarajevo unter serbischem Beschuß" im Juli 1992. Die Bilder aber zeigten das kroatische Bombardement der von Serben kontrollierten Stadt Trebinje. Peter Brock hält Newsweek vor, am 17. August 1992 einen bis auf die Knochen abgemagerten Mann auf der Titelseite als Muslim präsentiert zu haben. Tatsächlich aber sei er Serbe gewesen.

Brock hat sich in dieser Sache korrigieren müssen. In seinem Weltwoche-Artikel vom Januar, der die Diskussion damals anstieß, behauptete er noch, es sei ein Time-Titel gewesen. Brocks wenig. sorgfältige Recherche hat viel Widerspruch provoziert. Problematisch ist nach wie vor auch, daß er langatmig rechtfertigt, warum die bosnischen Serben im vergangenen Jahr den Vance/Owen-Plan ablehnten.

In Brocks Beitrag spiegelt sich eine Schwäche des ganzen Bandes. Der anspruchsvolle Untertitel "Wahrheit und Lüge im jugoslawischen Bürgerkrieg" hätte es geboten, auch Journalisten zu Wort kommen zu lassen, die für Muslime und Kroaten Partei nehmen. Dies erst machte die Debatte der Weltwoche glaubwürdig. Wer hat denn schon die Wahrheit gepachtet? Statt dessen darf Wiglaf Droste den politisch-publizistischen Gegnern "impotentes, alternativ-blutrünstiges Geschwätz und Totschlaggelüste" vorwerfen. Solche Urteile zeugen nicht gerade von Kompetenz.

Dennoch regt dieser Band zum Nachdenken an über die Rolle unserer Medien, die in ihrer vermeintlichen Vielfalt zuweilen erschreckend uniform sein können – wie in Johnsons Bild vom Vogelschwarm.

Michael Thumann