Von Hans Harald Bräutigam

In den Vereinigten Staaten, aber nicht nur dort, gilt im Gerichtssaal die Wissenschaft immer weniger und die öffentliche Meinung immer mehr. Die ärztliche Chefredakteurin Marcia Angell vom renommierten New England Journal of Medicine hat am 16. Juni in einem Editorial geklagt, daß Richter immer häufiger dem Druck einer Öffentlichkeit unterliegen, die ihre Kenntnisse aus Fernsehmagazinen oder Talk-Shows bezieht. Eifrige und im Streit erfahrene Rechtsanwälte, die oft bar jeder Erfahrung mit der komplizierten Materie sind, spezialisieren sich in der Neuen Welt auf eindrucksvolle Auftritte vor Gericht und können oft astronomisch hohe Zahlungen für sich und ihre Klienten einheimsen.

Derzeit werden vor amerikanischen Gerichten und im Scheinwerferlicht der Medien die angeblichen Schäden durch Brustprothesen verhandelt. Die sollen, so der landläufige Vorwurf, zu schweren rheumatischen Bindegewebserkrankungen führen. Damit sind nicht die bei unsachgemäßer Operation durch Blutungen bedingten Verhärtungen der Implantat-Umgebung gemeint. Vielmehr soll der Austritt von Spuren von Silikon aus der Prothese zu Autoimmunerkrankungen führen – Beispiele wären Diabetes oder rheumatische Arthritis.

Deshalb hat die amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) vor zwei Jahren die Einpflanzung von silikongefüllten Brustprothesen gestoppt. Sie dürfen seither nur noch in Ausnahmefällen für klinisch kontrollierte Studien verwandt werden. Beweisen läßt sich diese unerwünschte Nebenwirkung des Silikons bislang allerdings nicht: Denn bei den zwei Millionen Frauen, die in den vergangenen zwanzig Jahren mit den Silikonkissen versehen wurden, konnte der Nachweis eines Zusammenhangs zwischen Silikon und Autoimmunerkrankungen nicht geführt werden. Im Gegenteil. Immunerkrankungen sind bei Trägerinnen der Prothesen genauso selten wie bei allen anderen Frauen.

Das haben Wissenschaftler der Mayo-Klinik in Rochester, Minnesota, mit Hilfe von sogenannten Fall-Kontrollstudien nachgewiesen, die einen Zeitraum von immerhin zehn Jahren abdecken. Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Silikon und Rheuma haben sie dabei nicht festgestellt.

Das hat Sam Pointer, den obersten Richter des Bezirksgerichtes in Alabama, wo alle Silikonverfahren zusammengeführt wurden, allerdings nicht davon abgehalten, einem vor einigen Wochen eingebrachten Vergleichsvorschlag der Silikonhersteller zuzustimmen. Diese wollen mit mehr als vier Milliarden Dollar einen Schlußstrich unter die zahlreichen bereits angestrengten Verfahren ziehen, die bereits siebzig Milliarden Dollar verschlangen. Danach – so die Bestimmung des vom Gericht akzeptierten global settlement – müssen die Firmen die Herstellung von Brustprothesen aufgeben.

Auf dem Schlachtfeld Gerichtssaal, in dem seriöser wissenschaftlicher Sachverstand nicht weiter gefragt war, bleiben als „einzige Sieger die Rechtsanwälte zurück. Sie können nämlich ein Viertel der Entschädigungssummen einstreichen. Verlierer aber sind Frauen, die aus vielen ehrbaren Gründen auf die kosmetische Wiederherstellung ihres Busens oder wenigstens auf eine Verschönerung nicht verzichten wollen.