Lehrjahre des Herzens, erzählt vom Sohn eines Busfahrers aus der Bronx. Es geht um Autorität und Moral, um Liebe zu den Eltern und Neugierde gegenüber dem Verbotenen, um Freundschaft und ihre Grenzen, es geht um die Entscheidungen am Wendepunkt, die das Leben prägen für immer. Die Frage, die sich dem Jungen stellt (und die so alt ist wie die Menschheit), lautet: Soll man dem eigenen Vater folgen, dem Gewohnten, Vertrauten? Oder doch lieber dem anderen Vorbild, dem Ungewohnten, Faszinierend-Fremden? Der Junge läßt sich schließlich einfach von seinen Gefühlen leiten. Ohne das andere zu meiden, verliert er das Eigene nicht aus den Augen. Am Ende erkennt er dann, daß gerade seine Offenheit, von beiden Seiten zu lernen, ihm die Kraft dafür gegeben hat, seine Talente nicht zu vergeuden.

Sein Konflikt beginnt früh. Eines Tages sieht er, wie ein eleganter Mann einen tobenden Autofahrer auf offener Straße erschießt. Er kennt den Täter, verrät ihn aber nicht an die Polizei. Dies begründet eine lange, aufmerksame Freundschaft – und ständigen Ärger mit dem eigenen Vater. Der, stolz darauf, sein Geld auf ehrliche Weise zu verdienen und für alles, was er sich und seinem Kind gönnt, selbst zu zahlen, sieht in dem anderen Mann nur den gewalttätigen Gangster, den kleinen godfather von nebenan. Die Leute in der Umgebung würden ihn weder mögen noch respektieren, erklärt er mehrmals, sie würden ihn bloß fürchten. Doch der Junge sieht auch die Vorteile, die dieses andere Leben bringt: das viele Geld, das schnittige Cabriolet, die schicken Klamotten – und die Ehrfurcht in den Gesichtern seiner Freunde. Dieses Hin und Her in seiner Aufmerksamkeit und seiner Bewunderung prägt seine Entwicklung und läßt ihn nicht so verkrusten und verkümmern wie die Jungs um ihn herum.

Robert De Niro, überheblicher „Godfather“ bei Coppola und hypernervöser „Taxi Driver“ bei Scorsese, erzählt in seinem Debütfilm eine eher ungewöhnliche Geschichte mit eher konventionellen Mitteln. Er konzentriert sich weitgehend auf den zentralen Konflikt (mit einer Vorliebe für halbnahe Bilder), variiert dabei aber einzelne Motive auf unterschiedlichen Ebenen. So zeigt er zum Beispiel, wie Gewalt ausbricht und sich auswirkt bei den Älteren gegenüber einer Rockerbande, die sie in der eigenen Kneipe provoziert, und bei den Jüngeren gegenüber einer Gruppe von Schwarzen, die nur mal ihr Revier durchqueren wollen: kühle Statusbehauptung auf der einen, fanatisches und rassistisches Macho-Gehabe auf der anderen Seite. Von den emotionalen Folgen zu berichten überläßt De Niro der erzählenden und kommentierenden Stimme des Jungen, dessen Fazit und Urteil oft klingen, als würden sie in hohem Alter gezogen und gefällt. Aus weiter Ferne und doch ganz nah.

Noch einmal also die Geschichte eines Niemand auf den Straßen von New York, der davon träumt, ein Jemand zu werden, wie vor zwanzig Jahren bei Scorsese. Und auch hier geschieht es dem Jungen eher aus Glück und Zufall, daß seine Eskapaden nicht tödlich enden. Er überlebt in dem Bewußtsein, daß es oft nur kurze Augenblicke sind, die das Leben abschließen oder aufs neue öffnen. Norbert Grob