Von Vera Gaserow

Nee, das läßt Attila sich nicht nehmen. Wenn "die Mädels" auf dem Berliner Fruchthof anrücken, dann ist er mit seinem Gabelstapler zur Stelle, "Ehrensache!". Die "Mädels" sind reputierliche Damen und gehen stramm auf die Vierzig zu. Zweimal die Woche kramen sie zwischen den Obst- und Gemüsepaletten herum und ziehen, Attilas Gabelstapler sei Dank, vollbepackt mit Pfirsichen, Tomaten und Salatköpfen von dannen.

Zehn Minuten später öffnet sich die Sicherheitsschranke des Flughafens Tegel für den Lieferwagen der "Mädels". "Heute müßt ihr bestimmt zweimal kommen", grinst das Lufthansa-Küchenpersonal und öffnet triumphierend die schwere Kühlhaustür. Da quellen die belegten Brötchen schon aus den Kisten heraus. An die tausend werden es wohl sein, allesamt hygienisch sauber in Zellophan verschweißt, übriggeblieben vom Bordfrühstück der Fluggäste, normalerweise der Müllkippe geweiht.

Im Hotel "Interconti" ist vom vorabendlichen Bankett das halbe Sortiment eines Delikatessladens stehengeblieben. In ein paar Stunden werden deshalb einige etwas abgerissen wirkende Menschen mit Heißhunger "Prager Schinken in Brotteig" und "zartgeräucherte Forellenfilets" verspeisen. Vorerst jedoch wird alles im weißen Kombi der "Mädels" verstaut. Der wird sich im Laufe des Tages rasch wieder leeren: zwei Paletten Obst für die Suppenküche des Pfarramts St. Marien, zehn Kisten mit belegten Brötchen für die 300 obdachlosen Gäste der "barmherzigen Schwestern der Mutter Theresa" im Kreuzberger Kloster, zwei Säcke Brot für die Nichtseßhaften-Mission am Hauptbahnhof, ein Stapel Erste-Klasse-Frühstücke der Lufthansa für die Redaktion der Obdachlosenzeitung MOB.

Alltag einer bisher einmaligen Umverteilungsaktion in Deutschland, tägliche Notbremse gegen den ganz gewöhnlichen Skandal: Lebensmittel wandern jeden Tag tonnenweise auf den Müll. Gleichzeitig stehen landauf, landab Menschen in Suppenküchen nach Eßbarem an. Das Frauenprojekt "Berliner Tafel" sammelt seit eineinhalb Jahren Lebensmittel bei denjenigen ein, die vor lauter Überfluß nicht wissen, wohin, und bringt sie zu denen, die nicht wissen, woher: Umverteilt werden Paletten mit Yoghurtbechern, deren Verfallsdatum nahe ist, so daß sie aus den Regalen der Supermärkte fliegen, Obst und Gemüse, das nicht noch einen Tag länger gelagert werden könnte, Brötchen, die für verwöhnte Gaumen nicht mehr knusprig genug sind, und überzähliges Essen aus Kantinen.

Rund tausend Menschen versorgt die Berliner Tafel auf diese Weise jeden Tag – Menschen in Obdachloseneinrichtungen, Frauenhäusern, Suppenküchen oder Selbsthilfeprojekten von Aidskranken. "Und dabei", sagt Reina Mehnert, Präsidentin und Initiatorin der Berliner Tafel, "sind wir doch eigentlich ein kleiner Popelverein."

Entstanden ist die Berliner Tafel aus der Initiativgruppe Berliner Frauen e.V., in der sich anläßlich des Golfkrieges fünfzig Frauen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Kreisen zusammengeschlossen haben. Nach einem Vortrag der Berliner Sozialsenatorin Ingrid Stahmer über die wachsende Obdachlosigkeit in der Stadt überlegten die Frauen, wie sie helfen könnten: "Das vernünftigste wäre, Wohnungen zu besorgen", sagt Reina Mehnert, "aber das ist eine Nummer zu groß für uns."