Von Ansgar Skriver

KÖLN. – „Wie viele Menschen trägt die Erde? Ethische Überlegungen zum Wachstum der Weltbevölkerung“ heißt die kürzlich erschienene Studie der Kammer der EKD für Kirchlichen Entwicklungsdienst. Sie wurde mit Blick auf die im September in Kairo stattfindende Weltbevölkerungskonferenz der Vereinten Nationen verfaßt. Die Kammer berät den Rat der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ihr gehören 23 vom Rat berufene Sachverständige an, darunter zehn Professoren (nicht nur Theologen) und drei Politiker von CDU, SPD und FDP.

Da evangelische Kirchenleitungen, anders als der Papst, keine Lehrautorität haben, wirken solche Studien oder Denkschriften allein durch ihre sachliche Überzeugungskraft; sie werden aber im Namen der Evangelischen Kirche veröffentlicht und öffentlich auch so verstanden. Deshalb beschließt der Rat der EKD sein „Einverständnis mit der Veröffentlichung“.

Eines der heikelsten Themen der Kairo-Konferenz ist die Abtreibung, die auch hierzulande umstritten ist. Die evangelische Studie stimmt mit der katholischen Position darin überein, daß aus christlicher Sicht Schwangerschaftsabbruch als Methode der Familienplanung nicht in Betracht komme – dies ist auch Beschlußlage der bisherigen UNO-Bevölkerungskonferenzen.

Allerdings wurde erst durch eine Veröffentlichung des Evangelischen Pressedienstes bekannt, daß ein wichtiger Satz aus der Studie gestrichen wurde, der auf die Realität von jährlich schätzungsweise fünfzig Millionen Schwangerschaftsabbrüchen weltweit eingeht, an denen täglich Hunderte von Frauen sterben. Dieser Satz, den sechs der neunzehn Ratsmitglieder (die anderen enthielten sich oder waren abwesend) beseitigt haben, lautete: „Wenn auch Schwangerschaftsabbruch als Mittel der Familienplanung abzulehnen ist, kann es doch Gründe geben, Abtreibung als ultima ratio in Konfliktfällen als Gewissensentscheidung der Eltern zu akzeptieren. Für solche Fälle müßten legale, medizinisch betreute Möglichkeiten vorhanden sein.“

Als der Rat der EKD mit den Verfassern über die Studie diskutierte, sprach niemand dieses Thema an. Der eben zitierte Satz wurde in Abwesenheit der Autoren gestrichen, ohne jeden Hinweis auf diesen Eingriff im Text selbst. Daß das repräsentative Gremium der Evangelischen Kirche eine Kontrolle darüber haben sollte, was in seinem Namen zwar nicht beschlossen, aber veröffentlicht wird, ist unbestreitbar. Daß aber ausgerechnet eine protestantische Kirchenleitung in einem unseriösen Verfahren politische Ansichten einzelner ihrer Mitglieder ohne offene Diskussion mit den von ihr selbst berufenen Sachverständigen durchsetzt, ist ein Zeichen argumentativer Schwäche und von Unredlichkeit unter Protestanten.

  • Ansgar Skriver, politischer Redakteur beim WDR, ist Mitglied der Kammer der EKD für Kirchlichen Entwicklungsdienst.