Sprache ist verräterisch. Als die Frankfurter Börsenmaklerfirma Ballmaier & Schultz Wertpapier AG vor wenigen Wochen den Verkauf eigener Aktien an das Publikum bekanntgab, pries Vorstandsmitglied Frank Schultz die neuen Anteilscheine auch als „Zockerpapiere“ an. Schultz meinte das keineswegs abwertend, schließlich geht es ja um sein eigenes Unternehmen. Er wollte damit nur zum Ausdruck bringen, daß die Aktien wohl auch von professionellen Börsianern erworben werden.

Die von keinerlei Skrupel getrübte Verwendung eines Begriffs aus dem Spielermilieu legt den Schluß nahe, daß sich Börsianer offenbar selbst genauso einschätzen, wie sie von außenstehenden Skeptikern schon immer gesehen wurden. Das weitverbreitete (Vor-?)Urteil, die Börse sei eine zwielichtige Spielhölle, in der mit gezinkten Karten gespielt werde, findet jetzt wieder einmal seine Bestätigung. Über Jahre hinweg soll eine Bande von fünf Börsenmaklern in Frankfurt mit Insidergeschäften einen hohen zweistelligen Millionen-Betrag abkassiert haben. Derartige Praktiken sind bis dato zwar nicht gesetzeswidrig – die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die mutmaßlichen Täter vielmehr wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung –, aber gleichwohl ein grober Verstoß gegen die Börsenregeln.

Doch mit denen wurde es nie so genau genommen. Zwar konnten Insidergeschäfte, bei denen Wertpapierhändler oder -makler exklusive Informationen nutzen, um ihre Privatschatullen zu füllen, bislang mangels geeigneter Vorschriften nur selten aufgedeckt werden. Aber es ist zu vermuten, daß sie gängige Praxis auf dem Parkett waren und im Zweifel noch sind. Einen Anhaltspunkt über das Ausmaß solch dubioser Transaktionen bietet die Aktion der Steuerfahndung, die vor einigen Jahren gegen rund zweihundert Frankfurter Börsenhändler Ermittlungen einleitete. Die Untersuchungen in dem aktuellen Fall kamen wohl deshalb in Gang, weil ein damals Verdächtiger aus dem Nähkästchen plauderte.

Ähnlich lax ist der Umgang mit steuerlichen Vorschriften. Obwohl die Finanzbehörden bereits vor Jahren das Dividenden-Stripping, mit dem unterschiedliche Abgabenbelastungen in- und ausländischer Aktionäre umgangen werden, für unzulässig erklärt hatten, scherten sich Banken und Makler einen Teufel um das Verbot. Falls auch hier einer der Beteiligten auspackt und die Namen der involvierten Adressen nennt, hat der Finanzplatz Frankfurt seinen nächsten Skandal.

Die Zockerei und Abkocherei der Anleger ist systembedingt. Lange verstanden die deutschen Banken die hiesigen Börsen als ihre Privatdomäne, nutzten Händler und Makler die Drehscheibe des Kapitals ungeniert als Selbstbedienungsladen. Das Gefühl für Anstand und Fairneß scheint bei manchem im Finanzgewerbe verlorengegangen zu sein. Die dreisten Aufforderungen vieler Kreditinstitute zur Flucht vor der Zinssteuer oder zahlreiche höchstrichterliche Abmahnungen unzulässiger Geschäftsbedingungen und Berechnungsmethoden zeigen einen beachtlichen Verfall der Sitten in der Branche.

Dem ist offenbar nur mit massivem Druck beizukommen. Erst nachdem das Ausland nachdrücklich das Fehlen einer staatlichen Börsenaufsicht in Deutschland moniert hatte und entsprechende EU-Vorschriften verabschiedet wurden, waren die hiesigen Banken bereit, ihren ursprünglichen Ansatz einer freiwilligen Selbstkontrolle aufzugeben. Das Gesetz schafft jetzt Klarheit und stellt vom 1. August an endlich Insidergeschäfte unter Strafe. Das geplante Wertpapieraufsichtsamt dürfte die Zockerei zwar nicht verhindern, aber hoffentlich erschweren. Mario Müller