Ihre Karriere war wie aus dem Bilderbuch: Mit fünfzehn erster Lehrling in der von Gustav Schickedanz 1923 gegründeten Großhandlung für Kurz-, Weiß- und Wollwaren (aus der vier Jahre später das Versandhaus Quelle hervorging), wurde sie 1942 die Ehefrau des Handelspioniers – und damit für mehr als ein halbes Jahrhundert „die Chefin“.

So war Grete Schickedanz damit im wörtlichen Sinne die „Frau der ersten Stunde“. Der Gründer bekannte einmal, nichts ohne seine Frau entschieden zu haben. In der Tat waren die beiden ein optimales Gespann. „Weil wir sozusagen unter uns sind“, sagte die Quelle-Chefin, „können wir notfalls sonntags, im engsten Kreis blitzschnell Entscheidungen treffen.“ Spielte in dieser außergewöhnlichen Ehe- und Arbeitsgemeinschaft Gustav Schickedanz mehr den Part des langfristig denkenden Strategen, so fiel ihr eher die Rolle der engagierten Praktikerin zu. Mit dem sicheren Gespür, was modisch „ankam“, machte sie vor allem den Textileinkauf zu ihrer ureigenen Domäne. Der Aufbau der internationalen Quelle-Einkaufsorganisation ist ihr Werk. Schwadronen von jungen Einkäufern stöhnten, wenn ihre Chefin, damals schon jenseits der siebzig, immer noch auf strapaziösen Fernostreisen mit ihnen von Lieferant zu Lieferant hetzte.

Familienunternehmer tun sich oft schwer, rechtzeitig abzutreten und für moderne Gesellschafts- und Führungsstrukturen zu sorgen. Auch Grete Schickedanz, die wie viele aus der Gründergeneration voll in ihrer Arbeit für die Firma aufging, setzte mehr auf Kontinuität als auf radikale Veränderungen. Wesentlich auf ihr Betreiben hin verschwanden die noch zu Lebzeiten ihres Mannes fertigen Pläne für die Umwandlung in eine AG wieder in der Schublade. Nachdem Gustav Schickedanz 1977 gestorben war, hatte sie, nunmehr einzige persönlich haftende Gesellschafterin der Gruppe, auch formell das entscheidende Wort – unterstützt von ihren beiden Schwiegersöhnen Hans Dedi und Wolfgang Bühler. Erst mit 75 Jahren zog sich die Seniorchefin schweren Herzens vom Vorstandsvorsitz der Quelle zurück. An Abschied dachte die große, alte Dame des fränkischen Handels- und Industrie-Imperiums (Umsatz 1993: rund 174 Milliarden Mark) deshalb jedoch noch lange nicht. Als Vorsitzende des Verwaltungsrates der Quelle (bis Mai 1993) und Vorstandsmitglied Handel der Konzern-Holding bestimmte sie auch weiterhin den Kurs des Unternehmens entscheidend mit – einschließlich des in diesen Wochen abgeschlossenen Verkaufs der Bier-Sparte (Patrizia-Bräu) und der Hygiene-Papier-Aktivitäten (Tempo, Camelia, Moltex) zugunsten einer Stärkung der Kerngebiete Handel und Finanzdienstleistungen.

Am 23. Juli starb Grete Schickedanz 82jährig in Fürth. eg