MÜNNERSTADT. – Merkwürdige Szenen spielen sich auf dem Münnerstädter Friedhof ab. Ausgelassene Männer tragen einen prächtig geschmückten Sarg vom Leichenhaus zum offenen Grab. Langsam versenken sie ihn in der Grube. Von Trauer keine Spur. Anerkennung und Lob spendet der Meister, der Sarg wird gehoben, die Grube zugescharrt.

„Wir müssen vom Totengräberimage wegkommen“, sagt Fritz Schöfinius von der Handwerkskammer für Oberbayern. Deshalb hat die Kammer mit der nordbayerischen Stadt Münnerstadt einen Zehnjahresvertrag über einen Übungsfriedhof geschlossen. Denn das richtige Bestatten will gelernt sein. Und so lag es nahe, die Ausbildung lebensnah zu gestalten und auf den örtlichen Friedhof zu gehen. „Immerhin handelt es sich um einen Beruf mit Zukunft“, meint Schöfinius.

Ein Bestatter muß heute mehr leisten, als nur mit Hacke und Schaufel ein Grab auszuheben. Ein Bestatter ist Berater der Hinterbliebenen, ist Leichenwäscher, Sargverkäufer, Einsarger und Umsarger, Buchhalter seines Geschäftes, Tiefbauer und Friedhofsgärtner – kompetent und pietätvoll zugleich.

Dafür braucht er Fachwissen und Fingerspitzengefühl, und beides vermitteln die Handwerkskammer und der Verband der Bestattungsunternehmer jetzt in ihren Kursen. Theorie und Praxis hautnah erlebt, das ist in diesem Gewerbe einmalig in Deutschland. Die Teilnehmer beginnen mit einer Woche Theorie in München, Umgang mit Leichen in der Pathologie der Universität inklusive. Blockunterricht in Münnerstadt.

Dort steht das Verlöten von Eisensärgen auf dem Unterrichtsplan, das Dekorieren der Leichenhalle, verschiedene Aufbewahrungszeremonien, Brauchtumspflege und Grabmachertechnik. Immerhin müssen beim Grabausheben Einschalungen vorgenommen werden, damit die Grubenwände nicht einbrechen, und die kleinen Friedhofsbagger sind auch nicht nur praktisch: „Im vergangenen Jahr hat es drei bis vier Todesfälle in Bayern gegeben“, weiß Schöfinius. Auch ist das Umbetten von Leichen nicht ganz ungefährlich, denn beim Öffnen der Grabkammern entströmen Gase: „Da ist uns schon mancher bewußtlos ins Grab gestürzt.“ Bei solchen Vorfällen komme man leicht auf die Idee, das Bestatten erst mal zu üben, meint Schöfinius.

Die unterfränkische Kommune Münnerstadt ist begeistert. So kommt Leben in die Wirtschaft, denn immerhin müssen die bundesweit etwa 1300 Totengräber auch essen, trinken und übernachten. Tote und ihre Gräber beleben das Geschäft. Das ganze Projekt ist vertraglich abgesichert. Die bestehende Leichenhalle darf mitbenutzt werden, die Bestatter haben sich verpflichtet, die echten Trauerfeiern und die Friedhofsruhe nicht zu stören. Von Beifallskundgebungen am offenen Übungsgrab ist abzusehen. Werner Herbst