Von Helga Hirsch

Warschau

Wir Deutschen haben uns angewöhnt, Niederlagen kühl und rational zu analysieren, die „Lehren“ zu ziehen, den Blick in die – zu verbessernde bessere – Zukunft zu richten, der Auseinandersetzung mit dem Schmerz und dem Tod der Opfer aber möglichst auszuweichen. So zog mich denn an jenem 1. August vor elf Jahren, dem Jahrestag des Warschauer Aufstands von 1944, auch nichts auf den Powazki-Friedhof. Dorthin, wo auf Holzkreuzen, Marmorplatten und steinernen Denkmälern Hunderte und Tausende Namen von Soldaten und Pfadfindern eingraviert sind, die in den August- und Septembertagen 1944 ihr Leben ließen: erschossen, verschüttet, zerfetzt in unendlich langen 63 Tagen, in denen die Polen auf dem linken Weichselufer verzweifelt und allein gegen den deutschen Goliath kämpften, weil der sowjetische Goliath ihnen vom rechten Weichselufer nicht zu Hilfe kam.

Aber ich überwand mich aus Solidarität mit den Überlebenden und erlebte einen so intimen Umgang mit den Toten, daß selbst für mich, die Außenstehende, jene Kraft spürbar wurde, die aus der Erinnerung erwuchs. Eine Frau, noch keine sechzig Jahre alt, hockte auf der steinernen Grabumrandung und erzählte dem Enkel von ihrem Bruder, der siebzehnjährig mit einer Benzinflasche in der Hand losgezogen war und sein Leben geopfert hatte: für die Freiheit des Vaterlandes. Plötzlich verstand ich, warum es Zehntausende, ja Hunderttausende an diesem Tag des Jahres 1983 auf den Powazki-Friedhof zog.

Zehn Tage zuvor hatte das polnische Parlament das Kriegsrecht vom Dezember 1981 zwar aufgehoben. Aber die unabhängige Gewerkschaft Solidarność war verboten, und führende Oppositionelle saßen im Gefängnis. Die Massen, die sich hier langsam durch die endlosen Reihen der Gefallenen schoben, wollten sich demonstrativ zur Grundidee des Aufstands, zum Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit, bekennen. Wir geben uns nicht geschlagen, lautete die Botschaft der Hoffnung, die sie sich gegenseitig schweigend signalisierten. Sie zogen moralische Kraft aus einem Aufbäumen, das doch mit einer vernichtenden Niederlage geendet hatte.

Die Führung der Heimatarmee (AK), der polnischen Untergrundarmee, hatte sich 1944 auf eine riskante Taktik eingelassen. Sie wollte die Hauptstadt aus eigener Kraft in jenen wenigen Tagen befreien, in denen sich die Deutschen bereits auf dem Rückzug befanden, die sowjetischen Truppen aber noch nicht über die Weichsel vorgestoßen waren. Militärisch richtete sich der Aufstand vor genau fünfzig Jahren gegen die Deutschen, politisch allerdings gegen die Hegemonieansprüche Moskaus. Ein schier unlösbares Unterfangen. War doch das kämpfende Warschau gleichzeitig dringend auf die Hilfe des ungeliebten Verbündeten angewiesen. Die annähernd 50 000 sehr jungen polnischen Soldaten der Heimatarmee waren sehr unzureichend ausgerüstet: mit Maschinengewehren, Pistolen und Granaten. Selbst grenzenloser Heldenmut konnte die militärische Unterlegenheit nicht ausgleichen.

Doch statt sich der notwendigen Unterstützung der Alliierten im Westen und besonders im Osten zu vergewissern, setzte die AK-Führung auf den Druck der Fakten und das Gewissen der Weltöffentlichkeit. Sie riskierte die bewaffnete Erhebung, obwohl Stalin seit der Gründung des moskautreuen Lubliner Komitees seinen Einflußbereich aufbaute, den Churchill und Roosevelt ihm auf der Konferenz von Teheran im November 1943 grundsätzlich zugestanden hatten.