Von Richard Schröder

Auch die evangelischen Kirchen haben ihre Einigungsprobleme. Das härteste ist der Militärseelsorgevertrag. Die östlichen Kirchen haben beschlossen, ihm in seiner bisherigen Form nicht beizutreten. Sie sehen in ihm eine unzulässige Staatsnähe der Kirche. Andere sagen, Militärpfarrer seien ein Widerspruch zum Friedenszeugnis der Kirche, denn Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Dennoch ist das kein reiner Ost-West-Gegensatz; auch in den westlichen Kirchen gibt es nicht wenige, die den Militärseelsorgevertrag ablehnen.

Der Einspruch kommt allerdings nicht von den unmittelbar Betroffenen, also den Soldaten selbst. Von denen gibt es 63 000 Unterschriften für die Erhaltung der bisherigen Praxis. So furchtbar kann sie für sie also nicht sein. In der Tat ist der Militärseelsorger nicht selten der neutrale Dritte, der sich für die humane Lösung eines Konflikts einsetzen kann, die das Reglement nicht vorgesehen hatte.

In seiner letzten Sitzung hat sich nun der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland für Verhandlungen mit dem Staat über Änderungen des Militärseelsorgevertrags ausgesprochen.

Beschreiben wir zunächst den Status quo: Der Militärseelsorgevertrag sieht vor, daß von den Kirchen benannte Pfarrer als Bundesbeamte auf Zeit einige Jahre das Amt eines Militärseelsorgers wahrnehmen. Sie haben keinen militärischen Rang, tragen keine Uniform und sind in Erfüllung ihres geistlichen Auftrags von staatlicher Weisung unabhängig. Sie fassen die Soldaten evangelischen Bekenntnisses zu Gemeinden zusammen. Sie sind in der Kaserne präsent und begleiten die Truppe beim Manöver. Auch beim UN-Einsatz in Somalia waren sie dabei. Sie halten Gottesdienste und Rüstzeiten für die Soldaten, stehen jedem für seelsorgerliche Gespräche zur Verfügung und erteilen den Lebenskundlichen Unterricht, der vom Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr verantwortet wird. Dieses ist keine kirchliche, sondern eine Bundesbehörde, die laut Vertrag für die Verwaltungsaufgaben der Militärseelsorge zuständig ist.

Anstoß erregt vor allem der rechtliche Status der Militärpfarrer, des Kirchenamtes und im besonderen dessen Zuständigkeit für den Lebenskundlichen Unterricht. Das letztere könnte ohne Änderung des Vertrages geändert werden, indem das Kirchenamt auf die reinen Verwaltungsaufgaben beschränkt wird, die theologischen Aufgaben aber einer Dienststelle der Kirche zugeordnet werden. Diese kleine Reform, genannt Modell A, hat der Rat der EKD in seiner Mehrheit nicht als hinreichend erachtet. Wenn dagegen die Militärpfarrer kirchliche Beamte bleiben und das Kirchenamt eine kirchliche Behörde werden soll, ist eine Änderung des Vertrages nötig. Modell B, für das der Rat der EKD sich mehrheitlich ausgesprochen hat, sieht dies vor. Darüber muß nun verhandelt werden. Was die andere Seite, der Staat, zu diesen Wünschen sagt, ist noch offen.

In der DDR gab es keinen Militärseelsorgevertrag. Den Pfarrern war der Zutritt zur Kaserne verwehrt, Soldaten hatten nicht selten Schwierigkeiten, wenn sie auch nur eine Bibel im Spind hatten. Von den Offizieren wurde selbstverständlich erwartet, daß sie sich zum „wissenschaftlichen Atheismus“ bekennen, und das hieß: Kirchenaustritt. Dennoch gab es kirchliche Arbeit mit Soldaten, allerdings zumeist nur mit den sogenannten Bausoldaten, die aus Gewissensgründen den Dienst mit der Waffe verweigerten und deshalb zu nichtmilitärischen Diensten in der Kaserne eingesetzt wurden (manchmal auch zu militärischen Bauarbeiten, was dann zu Konflikten führte). Zumeist waren die Bausoldaten bekennende Christen. Einen echten Wehrersatzdienst als Zivildienst gab es in der DDR nicht. Die Kirchen haben ihn als Sozialen Friedensdienst vergeblich gefordert.