Von Jutta Deiss

Es war einer dieser flimmernd heißen Hochsommertage, an denen man Gedanken lieber an der Oberfläche eines kühlen Bergsees entlangsegeln läßt, statt in Tiefen menschlicher Leidenschaften zu forschen und begreifen zu lernen, warum der Formel-l-Rennfahrer Karl Wendlinger so schnell wie möglich in den Beruf zurückkehren möchte. In den Beruf, der ihn am 12. Mai – nur ein Rennen nach den Todesstürzen von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna in Imola – beim Training zum Großen Preis von Monaco fast das Leben gekostet hätte.

Das muntere Geplaudere der Gäste ringsum auf der schattigen Terrasse des Café „Dorado“ im Innenhof der Innsbrucker Universitätskliniken tat ein übriges, die Wirklichkeit zu verfremden. Es war, als spiele man ein klassisches Drama versehentlich vor einer Operettenkulisse nach. Traudl Wendlinger und Sophie Burkamp saßen hier schon so viele Tage und Stunden bei immer wieder demselben Thema zusammen, daß es ihnen gar nicht mehr ungewöhnlich erschien, Eiskaffee mit Sahne zu trinken und dabei über die Angst vor jenem Tag zu reden, an dem Karl Wendlinger zum ersten Mal wieder in dem Cockpit eines Rennwagens sitzen möchte. „Was soll ich machen?“ sagt die 27jährige Münchner Freundin des Rennfahrers. „Ich darf nicht denken: So, jetzt krieg’ ich die Krise, weil er wieder einsteigt. Das geht einfach nicht.“

Das geht deswegen nicht, weil das kompromißlose Streben nach einer Rückkehr auf die Rennstrecke bei dem Patienten Wendlinger eine nicht zu unterschätzende therapeutische Wirkung hat. „Es ist wichtig, daß er so schnell wie möglich in seinen Alltag zurückkehren kann und will“, sagt die Mutter Waltraud Wendlinger. Das verbietet den Angehörigen, die Angst zu bekennen. „Die Angst läßt sich nicht abschütteln. Und man kann sich auch nicht daran gewöhnen. Sie ist da, und bei mir ist sie immer größer geworden. Aber wir haben nie ein Wort über die Angst mit dem Buben gesprochen.“ Denn Angst macht unsicher, und nichts ist für einen Rennfahrer gefährlicher als Zweifel bei Tempo 300.

Während die engsten Vertrauten alle Kraft aufwenden müssen, um die Erlebnisse und Eindrücke der letzten Monate emotional und rational aufzuarbeiten, unterzieht sich Karl Wendlinger auf der neurologischen Intensivstation, wo er noch immer stationär behandelt wird, der Rehabilitationstherapie. Täglich mehrere Stunden lang schult der 25jährige Österreicher nach einem wissenschaftlich-medizinischen Trainingsprogramm Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnis, um die Stirn-Hirn-Funktionsstörungen zu beheben, die Teil der Folgen seines Unfalls waren. Die Diagnose, die Professor Dominique Grimaud in der Klinik in Nizza nach der Einlieferung des Rennfahrers stellen mußte, lautete: Hirntrauma, Prellungsblutungen im Stirnbereich und Ödem am Hirnstamm. „Alles ist möglich“, sagte Grimaud damals, „das Beste und das Schlimmste.“

Das Beste, nämlich die vollständige Genesung, scheint nun einzutreten. Doch alle wissen, daß der Angestellte des Sauber-Mercedes-Teams dem Tod näher war als dem Leben. Er selbst weiß es aber nur aus Erzählungen. Karl Wendlinger hat keinerlei Erinnerungen an den Unfall, und der Tiefschlaf, den die Ärzte medikamentös verlängert hatten, bewahrte ihn vor Schmerzempfinden und bewußt erlebter Todesangst. Da war die Fahrerbesprechung vor dem Training – und dann das Aufwachen während des Transports von der Klinik in Nizza in das Krankenhaus in Innsbruck. „Wie spät ist es?“ fragte er zuerst. Und dann: „Wo bin ich?“ Irgendwann sei er „darauf gekommen, daß es schon Mitte Juni war – und für mich war es doch erst Mitte Mai“.

Dazwischen ist nichts. Nicht das Wissen um die schier unerträgliche Sorge seiner Eltern und der Freundin, für die „irgendwann jedes Zeitgefühl verlorengegangen war“. Nichts weiß er von ihrer brennenden Angst, als das Fieber plötzlich stieg und die Hoffnung sank. Nichts von den Bündeln an Briefen, in denen Fremde und Freunde für ihn beteten. „Ich konnte nicht lockerlassen, an nichts anderes mehr denken“, sagt Sophie Burkamp. Sarkasmus gestattet sie sich nur einmal während des Gesprächs. Als sie erzählt, wie „alle, alle immer zu mir gesagt haben: Die Formel 1 ist sicher, die ist ja so sicher.“ Und wie sie die trügerische Gewißheit übernommen und ebenfalls weitergegeben hat: „Dann habe ich auch überall gesagt: Das ist doch so sicher.“ Waltraud Wendlinger weiß: „Man nimmt so etwas ja auch gerne auf.“ Ihr Mann ist Tourenwagen-Rennen gefahren, und ihr Sohn steuert seit seinem vierzehnten Lebensjahr Rennautos verschiedener Kategorien. „Die spüren unsere Angst ja nicht.“