Von Rainer Schauer

Der kurze arktische Sommer mit seinen sonnenhellen Nächten ist für ein paar Wochen an die Skelettküste von Kotzebue gekommen. Kotzebue – das ist ein lausiges, graues Nest nördlich des Polarkreises an der Westküste des amerikanischen Bundesstaates Alaska, wo das braune Wasser des arktischen Meeres an eine baumlose, öde Strandlandschaft brandet. Auf einer Landzunge, die aus der einmal endlos flachen und dann wieder leicht hügeligen Tundra ins Meer hinausläuft, breitet sich das schachbrettartig angelegte und knapp 4000 Seelen zählende Kaff aus. Der in unendlicher Einsamkeit gelegene und deswegen faszinierende Außenposten der Zivilisation kann nur per Schiff oder Flugzeug erreicht werden. Hier verläuft unsichtbar the last frontier, die letzte Grenze im Land der Mitternachtssonne, hier signalisieren zwei Wörter die letzten Abenteuer: Go North! Hinter dem Horizont, den in dunstiger Ferne die Mulgrave Hills und Baird Mountains begrenzen, und hinter immer neuen Horizonten liegt ein fast menschenleeres und von Fremden noch nicht entdecktes Land.

Aber die meisten der 10 000 Touristen, die jährlich in Kotzebue einfallen, bleiben nur einen halben Tag. Was tun in einem Nest, wo der letzte Laden für Alkohol 1982 wegen der wüsten Trinkgewohnheiten geschlossen werden mußte und ein Relikt aus dem Kalten Krieg, die moderne Radarstation der US Air Force, nicht besichtigt werden kann? Martin, der die Fremden führt, sagt: "Wir wollen den Besuchern zeigen, daß wir nie in Schneeiglus gewohnt haben, daß wir kein rohes Fleisch essen und daß wir unsere Toten nicht auf Eisschollen ins Meer treiben lassen." 85 Prozent der Einwohner Kotzebues zählen sich zum Eskimovolk der Inupiats, deren Vorfahren einst über die Bering-Landbrücke aus Asien nach Alaska zogen und eine eigenständige Kultur in ihrer neuen, eisigen Nordlandheimat schufen.

Das Thermometer zeigt fünfzehn Grad Celsius. Das Eis über dem Meer und unter einem fahlblauen Himmel hat sich erst in der vorigen Woche zurückgezogen und den Fischern den Weg ins offene Wasser freigegeben. Rote Lachshälften, aufgehängt an krüppeligen Holzgestellen, baumeln im Seewind, der kühl weht und dennoch die lautlos anfliegenden Moskitos nicht vertreiben kann. Am Strand fletschen wie irr kläffende Huskies die Zähne, zerren an ihren Ketten und würden wohl auch den Fremden an die Kehle gehen, wären sie nur frei. Martin sagt, seit die Huskies Kinder gerissen und getötet hätten, würden die meisten Schlittenhunde draußen vor der Stadt gehalten. Dort blühen jetzt in der Tundra Teppiche von blauen und gelben Sternblumen zwischen dem spröden Gewirr der Blaubeersträucher und unter dem silbrig flirrenden Blätterweiß der Diamantenweiden.

Kontraste in der Stadt: Der Strand von Kotzebue gleicht einer Müllhalde, auf der sich die Skelette von Motorschlitten, Fahrrädern, Booten und Autos türmen – Zivilisationsschrott, der so lange ausgeschlachtet wird, bis der Wind, die salzige Luft und der Rost auch den härtesten Stahl und die letzte Schraube zerfressen haben. "In diesem Haus", erzählt Martin, "wohnt ein großer Jäger." Ausgebleichte Karibugeweihe, Symbole für einen erfolgreichen Schützen, türmen sich auf dem morschen Dach. Doch auf dem beinernen Friedhof ist seit langem kein braunes, frisches Geweih mehr niedergelegt worden. Der Eskimojäger hat das Gewehr aus der Hand gelegt und sie nach dem Scheck von der Sozialhilfe ausgestreckt. Allein von der Jagd, dem Fischfang und der Zucht von Rentieren können die Inupiats nicht mehr leben. Jetzt wollen sie ihre Kultur feilbieten.

In einem Freiluftcamp erklären Inupiatfrauen, -mädchen und -jungen in rührendem Eifer anhand von Kult- und Gebrauchsgegenständen die Kultur ihres Volkes – und stimmen in ihrem hart gesprochenen Englisch doch nicht mehr als den melancholischen Abgesang auf eine Welt an, die es so nicht mehr gibt und nie mehr geben wird: Harpunen mit kunstvoll verzierten Spitzen aus dem Elfenbein des Walrosses waren gut, als die autarken Inupiats zum Überleben nur die arktische Natur als nie versiegende Nahrungsquelle brauchten. Das änderte sich radikal, als die Eskimos in den Kreislauf der Geldwirtschaft gestoßen und mit den Verlockungen des mühelosen Kaufens konfrontiert wurden. Ohne moderne Zivilisationshilfen wie Snowmobile und Jagdgewehr möchte heute kein Inupiat mehr leben. So bedeutet die in Kotzebue beschworene Besinnung auf die Tradition denn auch nicht mehr als eine Erinnerung im Geiste der Tourismus- und Souvenirindustrie, der Folklore- und Museumswelten.

Hunderte von Kilometern südlich an einem Seitenarm des fjordähnlichen Cook Inlet, in dem Dorf Eklutna in der Nähe von Anchorage, kämpfen die Tanainas vom großen Stamm der Athapascan-Indianer, zu dem auch Apachen und Navajos gehören, einen ähnlichen stillen und verlorenen Kampf wie die Inupiats. Nur, hier zwischen den großen Wäldern, wo jetzt die Wildrosen blühen, in sumpfigen Niederungen das Vergißmeinicht steht und an Wegesrändern Zwerglupinen wuchern, sind die Schrammen des vergeblichen Kulturkampfes weniger deutlich zu sehen als in der kahlen Welt von Kotzebue. Nach Eklutna kommt der Besucher, weil hier die Kirche des heiligen Nikolaus steht, eine der ältesten russisch-orthodoxen Kirchen Alaskas, die Indianer im Auftrag der russischen Missionare vor über hundert Jahren errichtet hatten. Aber über den Ursprung der bunt bemalten "Geisterhäuschen" über den Gräbern der Indianer auf dem angrenzenden Friedhof rätseln die Volkskundler bis heute. Woher kommt der Brauch, den toten Seelen ein hölzernes, irdisches Zuhause zu geben? Hier liegt auch Alex Vasily begraben, der letzte große Schamane der Tanainas, der noch mit den Geistern sprechen konnte.