Von Gero von Randow

Vor wenigen Monaten setzten die ersten Kettenreaktionen im schnellen Brüter "Monju" ein. Frohgemut verschickten die Betreiber Kitschpostkarten, die japanischen Medien reagierten freundlich. Westliche Fernsehsender hingegen zeigten einige hundert Protestierende: Der Westen nimmt Japan eben auf seine Weise wahr. Aber Monju, anderswo umstritten, ist Japans Stolz – und ein provozierend schönes Bauwerk.

Der Brüter steht, wie etliche andere Atomreaktoren, auf der Tsuruga-Halbinsel, die in die Japanische See lanzt. Das Schwarz der Vulkanfelsen und das Grün der Wälder bestimmen die Landschaft. Auf dem Weg zu Monju überquert der Besucher eine Bergkette, fährt Buchten mit dunkelgelben Sandstränden entlang, eine letzte Kurve – und dann ragt der große gelbe Topf empor, auf einem Gelände, das in den Berg hineingeschachtet wurde, um Platz zwischen Fels und Meer zu schaffen. Natur und Architektur fügen sich ineinander. Darf man sich, fragt sich der Europäer bang, des überwältigenden Anblicks eigentlich freuen?

Typisch, dieser Verdacht: Wenn die ihr AKW so schön gestalten, dann haben sie das wohl nötig. Japanische Stromversorger malen ihre Kraftwerke in die Umgebung hinein. Nuklearanlagen sind hie und da mit Comicmännchen verziert, die Plutonium und Uran vorstellen und strahlenden Optimismus verbreiten. Hierzulande würde all das als miese Propaganda, als Schönfärberei, als Verniedlichung verworfen. Aber Tsuruga ist nun einmal nicht Brokdorf. Statt die Ästhetisierung des Technischen in Japan verächtlich abzutun, könnte man sie besser als Hinweis nehmen, wie sehr jede Technik Produkt einer Kultur ist.

Japan hat sich viel vorgenommen: Bis zum Jahr 2010 soll der Anteil fossiler Energieträger am Primärenergieangebot von derzeit etwa 85 Prozent auf 73 Prozent gedrückt werden. In der Kerntechnik schickt sich das Land an, weltweit die Führung zu übernehmen und die zukunftsträchtigen Märkte im pazifischen Raum zu beherrschen. Japan strebt überdies konsequent wie kein anderer eine Plutoniumwirtschaft an.

Das Land ist ein Industriegigant. Und wenngleich Produktion und Transport hier bedeutend weniger Energie verschlingen als in Deutschland oder gar in den Vereinigten Staaten – wachsen wird sein Energieverbrauch allemal. Allerdings resultiert die Dynamik der japanischen Energienachfrage in erster Linie aus dem steigenden Konsum. Der Energiebedarf pro Haushalt liegt in Japan mit jährlich etwa elf Gigakalorien (Gkal) eher niedrig; eine deutsche Familie verbraucht das Doppelte, eine US-amerikanische gar das Dreifache. Doch die Japaner holen Wohlstandswachstum nach. Fachleute schätzen, daß der japanische Energieverbrauch pro Haushalt in den nächsten fünfzehn Jahren auf etwa vierzehn Gkal steigen wird, wobei der größte Betrag auf die Raumheizung entfällt. Wachsen wird bis dahin auch die Bevölkerung. Zur Zeit leben 124 Millionen Menschen auf den Inseln. Erst von 2010 an dürfte die Bevölkerungszahl konstant bleiben; die Zahl der Haushalte sowie ihre Durchschnittsfläche wächst schneller als die Bevölkerung.

Der zunehmende Verbrauch allein kann indes die Entschiedenheit nicht erklären, mit der die japanische Politik auf Energiesparmaßnahmen drängt, auf die Erschließung erneuerbarer Energiequellen und vor allem auf den Ausbau der Kernkraft. Das bestimmende Motiv für die Regierenden in Tokio lautet: Weg vom Öl, los von der Importabhängigkeit.