Von Sibylle Zehle

Ein Festtag auf Sylt. Blauer Himmel mit Schäfchenwolken. Ein Keitumer Garten mit Obstbäumen. Im Strandkorb sitzt Gertrud Wagner, 76 Jahre alt, aber Augen so fröhlich wie der Himmel. Und sie sagt mit ihrer hohen Mädchenstimme: „Man hat mir ja beide Beine abgeschlagen, das künstlerische wie das private.“

Das Haus hat einst Wieland Wagner gekauft, ihr 1966 verstorbener Mann, ein Refugium unter frischem Wind, weit weg von Bayreuth. Jetzt ist er dort an den Wänden festgenagelt: Wieland der Maler, Wieland der Photograph. Ein Künstler, der eigene Ausdrucksformen suchte, aber zeit seines Lebens Erbe war. Gertrud sagt: „Wir waren doch alle auch mit Richard verheiratet. Und mit der Aufgabe Bayreuth.“

Auch sie ist gefangen in diesem Haus, in Erinnerungen und Einsamkeiten, sie sammelt, sichtet, häuft Material, das schließlich umfangreicher wird, als sie allein bewältigen könnte, der Stoff wächst ihr über den Kopf, sie erschöpft sich und andere, Verlage, Freunde, Autoren, plant schließlich ein Buch zusammen mit der Musikhistorikerin Eva Weissweiler. Endlich die ganze Wahrheit! – „Gertrud Wagner: Passion Bayreuth. Leben mit Wieland.“ – Die Verlagsankündigung: „Gertrud Wagner erzählt aus ihrem Leben mit dem Mann, der Neu-Bayreuth verkörpert... der ein schwieriger Partner war im Theater und im täglichen Leben, der rücksichtslos und fordernd war, der sie betrog und doch nie verließ, der nicht ihr Märchenprinz war, aber ganz sicher ihre große Liebe ... Startauflage: 20 000 Exemplare. Erscheinungstermin September 1993.“ Gertrud Wagner ist entsetzt. Lediglich der Titel stammte von ihr. Sonst ist ihr das alles viel zu laut. Die ganze Wahrheit. Sollte sie so aussehen?

Das war vor genau einem Jahr. Das Buch wurde nie fertig, kam nie auf den Markt. Geschrieben aber hat jetzt Gertruds Schwager Wolfgang Wagner. Der Clan-Chef, Enkel von Richard, Bruder von Wieland und heute unangefochtener Alleinherrscher auf dem Grünen Hügel, hat seine „Lebens-Akte“ vorgelegt. Und das ist ungefähr so, als habe – nach ungezählten Folgen und Fehden – J.R. Ewing aus Dallas am Ende selber zur Feder gegriffen.

Nebelbänke, die noch immer um Bayreuth lagern, wolle er mit dieser Autobiographie „lichten oder sogar zerstreuen“, schreibt der Festspielchef, der Ende August 75 Jahre alt wird. Aber nach Erscheinen des Buches in dieser Woche („Lebens-Akte“, Albrecht-Knaus-Verlag, München, 509 Seiten, 58 Mark) werden um die Wagner-Dynastie erst recht dichte Dämpfe und düstere Schwaden wallen und wogen, da darf man sicher sein: Das öffentliche Spiel um Liebe, Macht und Verrat wird weiter aufgeführt.

Warum hat sich der greise Wolfgang das angetan? Alles war doch gut gerichtet: Die Festspiele stehen in der Welt einzigartig da, künstlerisch, juristisch und finanziell auf grundsoliden Beinen, Stiftung und Archiv sind unter sicherem Dach. Verdienste, die allein Wolfgang Wagner zuzurechnen sind, dem weißhaarigen Prinzipal, der, schmaler werdend, immer mehr dem sächsischen Großvater gleicht. Höflich, zuvorkommend, ein guter Hausvater und Zeremonienmeister (dem selbst dann das Lächeln im Gesicht stehenbleibt, wenn Ministerpräsident Edmund Stoiber, wie letztes Jahr nach der Eröffnungspremiere, auf den Tristan-Regisseur Heiner Müller mit den Worten zugeht: „Do you speak German?“). Ein allgegenwärtiger Intendant, Personalchef und Controller, Chefingenieur, Talentsucher, Hausmeister und – Regisseur. Und weil alles so schön und gut ist auf dem Grünen Hügel (und man ja auch so verdammt schwer Karten kriegt), sind die Kritiker auch immer recht sanft mit dem betulich-biederen Wolfgang Wagner umgegangen, der es geschafft hat, sich in über vierzig Jahren Opernarbeit weder von Bruder Wieland noch von Bayreuth-Kollegen wie Götz Friedrich oder Harry Kupfer beeinflussen zu lassen, was eine Leistung ist. Bei Wolfgang Wagners unsäglich steifen Inszenierungen seufzt man und denkt ans Gesamtwerk.